Co-Working in der Humboldt-Villa Lüdenscheid

Barfuß, Hängematte, alte Villa: Ist das der schönste Arbeitsplatz der Welt?

+
Arbeitsatmosphäre zum Selbstgestalten: Nach Rücksprache durfte Christopher Reusch auch seine Hängematte befestigen – perfekt, um in Arbeitspausen seinen Gedanken nachzuhängen.

Lüdenscheid - Arbeiten in einer denkmalgeschützten Villa? Mit Hängematte und kostenlos Kaffee und Internet? Gibt es. In Lüdenscheid.

Die Tür zur Co-Working Space im Humboldt 4c öffnet sich, und da steht er nun, ein Co-Worker: Christopher Reusch, 30, barfuß unterwegs trotz einstelliger Außentemperatur, in einer Hand ein Kräutersträußlein mit Zitronenmelisse und was sonst noch auf der Fensterbank des Restaurants darunter wächst. „Das darf ich“, lächelt er. 

Der Koch hat’s erlaubt. Seinen kleinen Roller lehnt er mit der anderen Hand gegen einen Holzbalken. Angekommen. Seit die Hängematte hängt, sowieso.

Der junge Mann schreibt in der geräumigen ehemaligen Dachgeschosswohnung der denkmalgeschützten Villa seine Masterarbeit als Student in Wildlife, University of the Free State, Bloemfontein, South Africa. Er wertet seine Beobachtungen einer Affengruppe aus, schreibt über ihre Ernährung, über jahreszeitlich veränderte Bedingungen, über Anpassung.

Da ist er ganz in seinem Element, da geht’s ihm gerade wie seinen Affen. „Ich arrangiere mich“, sagt er und erzählt, dass er in Afrika festes Schuhwerk tragen musste, besonders in der Dunkelheit. Man könnte auf Skorpione treten oder Dornen. Das wird unter Umständen zum Problem, weil der nächste Arzt weit weg ist und die Infektionsgefahr groß.

Zwei Jahre lang hat er mit einer Gruppe anderer Studenten im Umfeld einer Lodge gelebt, das nächste Dorf war eine 40-Minuten-Fahrt über Schotterpisten entfernt. Einkaufen ging nur, erzählt er, wenn wieder einmal ein Student am Flughafen abgeholt wurde – der zweieinhalb Autostunden entfernt lag. Die Vorräte kamen dann in Kühlschränke, die mit Karabinern gesichert waren – „weil sonst die Affen ‘rangehen“. Auch eine Art der Anpassung an veränderte Nahrungsmittelversorgung.

Im Juli 2018 kam er zurück nach Lüdenscheid, musste sich wieder einstellen auf die alte Heimat. In mancher Hinsicht fiel das leicht, in anderer nicht. „Hier kann ich barfuß durch den Wald gehen“, war ein Pluspunkt. Kriminalität sei in Südafrika an der Tagesordnung, weiß er von Besuchen bei seiner großen Schwester, einer Meeresbiologin, die in Port Elisabeth lebt. Man müsse immer wachsam sein: „Das Leben hier ist doch etwas entspannter.“

Neu sind Eingewöhnungsphasen nicht für ihn: nach dem Abi ein Umweltschutzpraktikum in Bingen, ein Gletscherkurs in Norwegen, der Bachelor im Bayerischen Wald über Luchs-Aktivitäten, dann ein Arbeitsjahr in Maastricht, um Geld für Afrika zu sparen. Doch im einst so vertrauten Lüdenscheid sei es erst einmal schwierig gewesen, „weil ich niemanden mehr kannte“. Und die Stadt mache es einem nicht einfach.

Bis er auf das Co-Working-Konzept im Humboldt 4c stieß. Er sah sich um – und war begeistert. Seit Mai arbeitet er nun dort an seiner Masterarbeit und findet: „Das hat vernetzungstechnisch schon sehr viel gebracht.“ Der Knoten ist geplatzt.

Er bestimmt seinen eigenen Tagesrhythmus, sucht sich einen freien Schreibtisch und legt los. Im Loft entstünden schnell Kontakte. „Je mehr man auf die Leute zu geht, desto mehr nimmt man auch seine Umgebung wahr, wenn man diese Offenheit hat! Ich habe mich geöffnet für Lüdenscheid.“ Etwa beim Fitnesstraining im Kindergässchen, wo er „coole Menschen mit coolen Visionen“ getroffen hat: „Wenn man anfängt, das zu sehen, zieht man die auch an.“

Solche Erlebnisse, die er hier nicht erwartet hätte, haben ihn mit seiner Heimatstadt wieder warm werden lassen. Sie haben das negative Bild verändert, das er noch mit in die Ferne genommen hatte. „Ich lasse mich darauf ein und gucke, was passiert.“

Fast hätte er sich auch auf einen Tanzkurs eingelassen, um Kontakte zu knüpfen. Das scheiterte am Geld, sagt er, der nebenbei als Werksstudent bei Kostal arbeitet. Am Ende hat er die Homepage des Weltladens gestaltet. Dass man aus der Komfortzone herauskommt und trotzdem seine Hängematte irgendwo aufhängen kann, schließt sich nicht aus.

Das Co-Working spricht unterschiedliche Menschen an: junge App-Entwickler, die hier optimale technische Voraussetzungen finden; einen Bald-Ruheständler, der endlich Zeit für ein Projekt findet, das ihm Spaß macht; den Selbstständigen, der Abstand zum Büroalltag braucht, um seine nächste Zehn-Jahres-Strategie auszuarbeiten; die Gruppe, die in Ruhe eine Veranstaltung planen will.

„Ich habe nie in Städten gelebt, wo es solche Konzepte gab“, erzählt Reusch. Auch deshalb möchte er bald unbedingt in der Großstadt leben, in Amsterdam. Dort formiert sich gerade um den Niederländer Niek Oldenburg eine junge Bewegung, die unter dem Titel „We future global“ ein internationales Netzwerk aufbauen möchte. Wie jeder dazu beitragen kann, die Welt ein wenig besser zu machen, dazu organisierte Christoph Reusch im August im großen Veranstaltungsraum des Humboldt 4c einen Infoabend. Der Flyer dafür entstand quasi nebenbei an der Kücheninsel. „Manchmal ist es nicht die Meinung, die zählt, sondern dass man drüber geredet hat.“

Schritt für Schritt hat er so gemerkt, dass er beruflich etwas mit Menschen machen möchte. „Im Busch, da ist halt keiner. Da ist man abgeschottet. Wenn man was verändern möchte, muss man da sein, wo die Menschen sind.“

Das Konzept: Co-Working Space

Lüdenscheids erstes Coworking-Angebot gibt es im Humboldt 4c an der Humboldtstraße 36. Co-Working ist eine neue, flexible Art des Arbeitens in technisch darauf ausgerichteten Räumen. Zum Konzept gehört, dass Kaffee, Tee, Wasser und Internet kostenlos verfügbar sind. Ein Restaurant ist im Haus. Die 4c-Räume sind montags bis freitags von 9 bis 18 Uhr geöffnet. Tageskarte ab 12,60 Euro. Kontakt: mail@humboldt4c.de

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren: Auf come-on.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare