Schmuddelige Flugblätter und ein neuer Termin

Lüdenscheid - Die Frau soll Mittäterin bei Veruntreuungen von Firmengeldern sein. Ihre vermeintliche Komplizin ist bereits verurteilt. Nun also nach vier Jahren das letzte Kapitel des Verfahrens. Doch statt Wahrheitsfindung steht für das Erweiterte Schöffengericht Alarm auf dem Programm: Polizei, Justizwachtmeister, Metallschleusen, Verschwörungstheorien, pornographische Flugblätter und eine verhandlungsunfähige Angeklagte prägen den Prozesstag.

Seit Tagen verteilen anonyme Täter in der Stadt stapelweise Zettel mit verunglimpfenden Darstellungen und unbewiesenen Anschuldigungen gegen die Angeklagte – auch im Amtsgericht. Polizisten sammeln sie eilig wieder ein. Vornehmlich Friseursalons in der ganzen Region erhalten E-Mails, in denen es unter anderem heißt: „Schützt euch vor dieser Hure!“

Strafverteidiger Jörg Ehlen aus Wittlich vertröstet das Gericht. „Meine Mandantin ist noch auf der Toilette.“ Aber dafür bringt er eine Tüte voller Hassbriefe mit, berichtet von toten Mäusen vor der Tür der Frau – und dass sie angesichts eines wahren Komplotts und neuer Morddrohungen in der Nacht zuvor nicht geschlafen habe.

Klo-Gang beendet, Auftritt Angeklagte: gelbes Kostüm, gelbe Handtasche, etwas wirres langes Haar, verheulte Augen, zitternde Hände. Dr. Patrick Debbelt, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie und als Gutachter bestellt, schaut kurz auf. Richter Thomas Kabus wird stutzig. Und beschließt, die Frau sofort untersuchen zu lassen. 45 Minuten später – die greinende Person in Gelb kommt abermals reichlich verspätet von der Toilette – lautet sein Fazit: „Die Angeklagte ist momentan nicht verhandlungsfähig.“ Sie stehe unter Beruhigungsmitteln und Antidepressiva, jeweils hochdosiert. Und: Sie habe ganz sicher mehr eingenommen als ärztlich verordnet.

Der Richter reagiert mit einem Vorschlag. Nämlich, einfach ohne die Angeklagte zu verhandeln. Das lehnt Rechtsanwalt Ehlen ab. Stattdessen regt er die Einstellung des Verfahrens gegen Auflagen an. Das wiederum lehnt der Staatsanwalt ab.

Langsam wird Kabus’ Geduldsfaden dünner. Es sei „nicht ausschließbar, dass die Angeklagte ihre Verhandlungsunfähigkeit selbst schuldhaft herbeigeführt“ habe. Und zu der gelben Frau: „Das kann man mit selbst verschuldetem Nichterscheinen gleichsetzen.“ Und schimpft weiter, das sei „das erste Mal in 20 Jahren“, dass sich eine Angeklagte trotz eher geringer Straferwartung „derart extensiv“ aufführe. Sie schluchzt und will noch was sagen, aber Kabus schneidet ihr das Wort ab. „Ich will es nicht hören, Sie sind hier nicht erschienen.“

Nun geht das Verfahren ins fünfte Jahr. Dr. Debbelt wird ein schriftliches Gutachten über die Dame anfertigen. Ein sogenannter „ersuchter Richter“ soll sie dann in ihrem Heimatort vernehmen. Neuer Termin von Amts wegen. Die Polizisten rücken wieder ab – samt den schmuddeligen Flugblättern. - von Olaf Moos

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