Ein launiger Rückblick

Schmorbraten und „Zweitfrisur“: Verrückte Muttertagsgeschenke vor 50 Jahren

Nahaufnahme zweier Frauen mit einem Strauß voller Tulpen.
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Symbolbild

Die Suche nach einem Muttertagsgeschenk führt in den allermeisten Fällen zum Floristen, auf Frühlingswiesen und in den Schokoladenladen.

Lüdenscheid - Wenn Blumenpflücken verboten ist und alle Läden geschlossen sind, bleibt noch der Griff zu Buntstift und Bastelschere oder zu dem Rezept, das man immer schon mal nachbacken wollte. Zur Not täte es auch ein liebevoll gedeckter Frühstückstisch, heißt es in den Geschenkratschlägen. Was aber wünschen sich Mütter wirklich? Die Antwort: Sie wollen künstliche Haare und Obst aus der Konserve.

Genau so steht es geschrieben, nämlich zwischen den Zeilen der Werbeanzeigen aus dem Jahr 1971.

Vor 50 Jahren ist gerade alles groß in Mode, was groß ist: Blumen auf Stoffen, Muster auf Tapeten, Gürtelschnallen. Und auch Brillen im „Total-Eye-Look“. Mit überdimensionierten Gestellen und riesigen Gläsern schmückt sich „das moderne Gesicht“, heißt es in einer Werbeanzeige des Augenoptikers Hohage an der Wilhelmstraße.

Frau trägt sie passend zu verklebten Wimpern („Fliegenbeinen“), Big-Apple-Ballon-Kappen und Schlabberhüten. Schick dazu sind gerade „Frottékleider“, die weit überm Knie enden (19.80 Mark bei Krause), Damen-Lackblousons aus Nylon (7.90 Mark im Textil-Markt Möhring, Nähe Kluser Platz) und Midikleider im Gaucho-Look (Kaufhof) sowie eng anliegende Strickpullis mit Puffärmeln (Maybach, Wilhelmstraße).

Die von Hot-Pants freigelegten Beine eines jeden Alters schmücken Stiefel aus Lackleder und Sandalen mit langen Schnüren, die kreuzweise über den Unterschenkel gebunden werden, sowie Kniestrümpfe in Knallfarben. Das alles wird sich die kluge Frau selbst zulegen wollen, denn zum Muttertag kann sie an Modepräsenten nur wenig erwarten.

Während sie vielleicht von einem Persianermantel träumt (C&A oder Pelz Sonnabend, Am Bundesbahnhof), wird der unbekümmerte Sohnemann woanders fündig: „Schon jetzt an Muttertag denken – Kittel verschenken“ (Kittelzentrale, Knapper Straße). „Muttertag denken – praktisch schenken“, heißt die Devise auch im Wäschehaus Wefelmeier an der Knapper Straße, ein Badekleid in Übergröße findet wahrscheinlich viel Zuspruch.

„Als Geschenk immer beliebt ... die Schallplatte“ – gibt es bei Radio Lüling, Wilhemstraße, oder Fernsehen Beier, Hochstraße. „Herziger, Mode und Heim – Das preiswerte Fachgeschäft, Lüdenscheid-Oberstadt“ bietet feines Porzellan an der oberen Wilhelmstraße. Der Seifen-Platz wirbt mit einem 4711-Körbchen.

Es tut aber auch die Packung Feinstrumpfhosen, die bekommt man im Kaufhaus Deka für 1.25 Mark. Die Schiller-Drogerie Paul Lehmke, Freiherr-vom-Stein-Straße, legt noch eins drauf und bietet pure Lebenskraft. Welche Mami ist nicht entzückt beim Auspacken einer Flasche Biovital?

Eine Rose ziert die Anzeige des Geschäfts AFU, Worthstraße. „Für Mutti“ gibt es hier Exquisites wie Bohnenkaffee, Tortenboden, Sahne im Becher und Ananas in Dosen, das Mutti nur noch hübsch anrichten muss für eine gediegene Nachmittagstafel. „Auf liebe Weise Danke sagen“, rät Rewe und empfiehlt einen Rinder-Schmorbraten aus Bullenfleisch. Das Pfund Stangenspargel dazu kocht sich ja ebenso quasi von allein.

„Vati, denkst Du auch an Muttertag?“, fragt das Kunstgewerbehaus Nüsken an der Schillerstraße per Zeitungsanzeige und bietet allerlei Dekoratives zum Hinstellen. Wer etwas mehr investieren möchte, entscheidet sich für „ein Muttertagsgeschenk, das Freude macht!“ – die Zweitfrisur (von Meister Sinkovic, Freiherr-vom-Stein-Straße).

Es handelt sich um toupierte Ungetüme, je größer, je besser, aus Echthaar oder auch aus einer Acrylfaser, die, so werden Fachkreise zitiert, „selbst in grellem Tageslicht natürlich wirkt“.

Fragt man mal die Protagonistinnen selbst, wünschen sich alle immer „Zeit“. Na, da ist die Auswahl doch groß in 1971, zum Beispiel für einen gemeinsames Ausflug. In Köln hat gerade die Bundesgartenschau eröffnet. Nahe dem Deutzer Bahnhof wartet ein „Fest der Blumen, ein Rausch der Farben“.

Bequem mit dem Zug zu erreichen, wer hat, bietet der Mutter einen Platz auf dem Rücksitz der Familienkutsche. In den Garagen steht sie bereit, frisch poliert für den Sonntagstrip, vielleicht in Gestalt eines Ford 17 M Turnier oder eines Opel Rekord C Coupé, eventuell eines VW Bus oder Käfer oder 411 LE Variant. Auch ein DAF 33 schafft es bis zum Rhein oder ein Simca 1300 GL, wenn nicht, bleiben ja noch illustre Ziele in der nahen Umgebung.

Am Homert-Aussichtsturm liegt „Wissing’s Berg-Restaurant“, dort ließe sich ein Schnitzelmenü bestellen. Oder Ente im China-Restaurant „Hong Kong“, Hochstraße. Oder man pilgert mit der ganzen Familie zum großen Picknick des Lüdenscheider Handballclubs auf dem Honselplatz, dort wartet auf Mütter ein Frühkonzert und auf Väter eine ZDF-Fußballwand („1. Preis: Reise nach Mallorca“).

Eine Kinokarte wäre auch noch eine Option. Am blühend-frischen Muttertagssonntag findet man jede Menge Auswahl in den heimischen Lichtspielhäusern: Im Stern-Theater läuft „Als die Frauen noch Schwänze hatten“, im Film-Palast „Django und die Bande der Bluthunde“ und im Apollo vielleicht was für die Schwiegermutter – „Der Todesschrei der Hexen“.

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