Quittung für Lüdenscheider aus Immobilienbranche

LÜDENSCHEID ▪ Er hat gestanden, nach Ansicht des Gerichts aber zu spät: Eine Haftstrafe von drei Jahren und neun Monaten ist die Quittung für Bankrott in drei Fällen und versuchten Betrug, die ein Lüdenscheider aus der Immobilienbranche gestern vom Landgericht erhalten hat.

Als strafmildernd bewertete die 1. Große Wirtschaftsstrafkammer des Landgerichts Hagen das Bemühen, den Schaden von letztlich 38,5 Millionen Euro zum Teil wieder gut zu machen – mit bislang 20 Millionen Euro.

„Bemerkenswert hartnäckiges und rücksichtsloses Profitstreben“ stellte das Gericht in der Urteilsbegründung fest. Als sich die Schieflage des Unternehmens 2006 verschärfte, habe er versucht, erhebliche Geldmengen auf die Seite zu bringen, wobei ihn die gleichaltrige Mitangeklagte unterstützte.

Wegen Beihilfe erhielt seine Lebensgefährtin ein Jahr und neun Monate zur Bewährung. Damit lag das Gericht über den von Staatsanwalt Matthias Plöger geforderten 14 Monaten. Jeweils drei Monate gelten als vollstreckt wegen einer der Justiz anzulastenden Verfahrensverzögerung, wie der Vorsitzende Richter Peter Junge erklärte. 2008 war Anklage erhoben worden; 2011 wurde das Verfahren eröffnet und nun mit dem 14. Verhandlungstag zum Abschluss gebracht.

Der Angeklagte blickte starr vor sich hin, während der Richter das Bild zeichnete vom überforderten Immobilienunternehmer, der nach Hauptschulabschluss und Tankwartlehre durch ein Erbe in den 70er Jahren ins Grundstückgeschäft einsteigt. 23 Jahre lang vergrößert er den Besitz in verschiedenen Städten auf 40 Objekte, eine Lebensleistung, die – wie es Verteidiger Rainer Köper gestern im Plädoyer nannte – „Respekt abnötigt“. Und von Banken voll finanziert wird. Bis er 1996 in das investiert, was Kernproblem wird: den Bundeswehrstützpunkt Augustdorf mit Wohnanlage für 12 000 Soldaten mit Familien. Truppenreduzierung, Preisverfall, sozialer Brennpunkt – der finanzielle Niedergang wird, laut Verteidiger, ein „schicksalshafter Schlag“. All das trifft auf eine überforderte Buchhaltung des Angeklagten, wo sechs Mitarbeiter im Keller seines Wohnhauses die Verwaltung über ein Karteikartensystem abwickeln. Erst ein Krisenmanager der Bank führt 2004 die EDV ein. Es kommt zu „atmosphärischen Schwierigkeiten“ mit der Bank, der Ton wird aggressiver, die Handlungsweise verzweifelter. Er versucht, Gelder an der Bank vorbeizuleiten, um für die Zeit danach gerüstet zu sein. Der Lüdenscheider sucht und findet einen Käufer für Augustdorf, verschweigt der Bank aber eine 900 000 Euro-Differenz zwischen genanntem und tatsächlichen Kaufpreis – Betrug. Parallel dazu entsteht ein Geflecht von Abrechnungen, Abtretungen und „branchenfremden Tätigkeiten“, für die er die Lebensgefährtin einspannt – als Geschäftsführerin einer seiner Firmen. Die Arzthelferin unterschreibt, erfährt aber erst im Prozess, was das alles bedeutet. Am Ende sagen beide: „Es tut mir leid.“ Beide verzichten zudem auf Rechtsmittel.

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