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Schlechte Nachricht für den ländlichen Raum: Pflegedienste im MK kämpfen mit Energiekosten

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Von: Leon Malte Cilsik

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Roman und Stephanie Kaleta, Pflegedienst Zu Hause
Roman und Stephanie Kaleta leiten gemeinsam den mobilen Pflegedienst Zu Hause. © Malte Cilsik

Weite Strecken, teurer Sprit und eine Pauschale für die Anfahrt. Die Lüdenscheider Pflegedienste fordern eine Veränderung - sonst werde der ländliche Raum darunter leiden.

Lüdenscheid – Die Mitarbeiter mobiler Pflegedienste legen weite Strecken zurück, um ihre Patienten zu erreichen. Entsprechend hart treffen die Branche derzeit die hohen Energiepreise. Da E-Mobilität für die Betriebe in Lüdenscheid bisher nicht praktikabel sei, hoffen die Pflegedienste auf eine höhere Anfahrtspauschale für 2022. Alternativ müssten sie sich zukünftig vielleicht auf Patienten innerhalb der Stadt beschränken. Bei vielen ist dies sogar bereits jetzt schon der Fall.

50 bis 80 Kilometer pro Fahrzeug und Tag, insgesamt zwischen 15 und 25 000 Kilometer im Jahr. Das geben die Pflegedienste Zu Hause, LaBa und Alpha auf die Frage nach ihren Fahrtstrecken an. Die Fuhrparks umfassen bis zu 24 Fahrzeuge, wie im Fall des Pflegedienstes Zu Hause. Das macht den Arbeitsalltag kostenintensiv – besonders bei den aktuellen Energiepreisen.

Keine Touren in den ländlichen Raum

„Schon im Mai haben sich längere Touren, wie zum Beispiel nach Wigginghausen, rein finanziell nicht mehr gelohnt. Im September haben wir bei ähnlicher Kilometerzahl noch einmal fast 400 Euro mehr für Sprit ausgegeben. Die Situation ist mehr als grenzwertig“, erklärt Stephanie Kaleta, Inhaberin vom Pflegedienst Zu Hause. „Wenn die Preise weiter steigen, könnten Orte wie Brüninghausen, Bierbaum, Dickenberg, Heedfeld und Brügge schon 2022 unwirtschaftlich werden. Der ländliche Raum wird leiden“, ergänzt ihr Mann Roman Kaleta. Mit ihrem Pflegedienst steuern die beiden neben Lüdenscheid noch Schalksmühle und Herscheid an – und damit mehr Kommunen als andere Pflegedienste. Längere Anfahrten lohnen sich für viele nicht.

„Wir steuern ländlichere Regionen wie Halver oder Schalksmühle schon seit vier bis fünf Jahren nicht mehr an. Wir bekommen aktuell rund zwei Euro pro Anfahrt. Wird dieser Betrag nicht angehoben, müssen wir zukünftig vielleicht mehr für die Pflegeleistungen nehmen oder die Mehrkosten anders ausgleichen“, sagt Dennis Besler, Geschäftsführer beim Pflegedienst LaBa.

Mit seinem Betrieb ist er Mitglied im Paritätischen Wohlfahrtsverband NRW, der seine Mitglieder bei der Verhandlung ihrer Vergütungen unterstützt. Denn die häusliche Pflege unterscheidet sich hierbei von der Krankenpflege: Jeder ambulante Pflegedienst muss selbst mit den Pflegekassen verhandeln. Krankenkassen hingegen zahlen Pauschalen für alle Betriebe. Der Pressesprecher des Paritätischen Wohlfahrtsverbands Torsten Mittag erklärt, welche Schwierigkeiten daraus aktuell resultieren: „Wegezeiten – genau wie andere Leistungen – sind unterfinanziert. Wir fordern daher grundsätzlich eine Anhebung. Ältere Studien haben schon gezeigt, dass die durchschnittliche Wegezeit zwölf Minuten beträgt. Mit den derzeitigen Vergütungen ist das nicht machbar. Das Ergebnis sind ’Rennpflege’ und unattraktive Arbeitsbedingungen.“

Er hält es allerdings für schwierig, diese Forderungen in den Verhandlungen vor Ort durchzusetzen. Ähnlich sieht es auch Christoph Treiß, Geschäftsführer beim Landesverband freie ambulante Krankenpflege NRW: „Ich halte es für unwahrscheinlich, dass sich der extreme Anstieg der Energiepreise 2022 eins zu eins in der Vergütung widerspiegeln wird. Wir hoffen, dass sich die Preise zeitnah wieder normalisieren.“

Mittag hält es für notwendig, dass die Gesetzgebung eine bessere Verhandlungsgrundlage für die Pflegedienste schafft. Er selbst hält es für sinnvoll, künftig die tatsächliche Zeit pro Einsatz abzurechnen. Zudem sollten sich die Pflegedienste mit der Umrüstung der Fahrzeugflotte auf E-Mobilität beschäftigen – aus Klimaschutzgründen und zur Kostenersparnis.

E-Mobilität sei keine Option

Das sei zwar verlockend, doch in Lüdenscheid keine Option, meint das Ehepaar Kaleta. „Tagestouren zwischen 50 und 80 Kilometer und keine Nachtschichten – eigentlich sind die Voraussetzungen ideal. Leider haben wir nicht die Lademöglichkeiten, um unsere Fahrzeugflotte umzurüsten“, sagt Robert Kaleta. Zwar böten sich bei einigen Mitarbeitern private Lademöglichkeiten, aber auf diesem Weg rund ein Viertel der Fahrzeuge umzurüsten, würde ihre Probleme nicht lösen. Die Diakonie Bethanien ist schon einen Schritt weiter: Sie hat bereits E-Autos in ihren mobilen Diensten getestet, hält es aber „aufgrund der Ladeinfrastruktur nicht für praktikabel“, ihren Fuhrpark in Lüdenscheid in größerem Maßstab umzustellen. Das bestätigte der Pressesprecher Robert Sopella.

Die erwähnten Lüdenscheider Pflegedienste sind sich einig: Die Pflegekassen müssen reagieren oder die örtliche Infrastruktur sollte zukünftig die betriebliche Mobilitätswende ermöglichen. Andernfalls würde die Qualität ihrer Leistungen generell und die Pflege in ländlichen Regionen im Speziellen leiden.

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