Tabus aufbrechen und Hemmschwellen abbauen

"Schatzinsel" hilft Kindern von psychisch kranken Eltern

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Helfen Kindern von psychisch erkrankten Eltern mit dem Gruppenangebot „Schatzinsel“: Kinderschutzmitarbeiter Bastian Mischnick, Katrin Nockemann und Bärbel Junge.

Lüdenscheid - Wenn die Seele der Eltern aus dem Gleichgewicht gerät und eine psychische Erkrankung den Alltag umkrempelt, dann leiden auch die Kinder – und die Kinder brauchen Hilfe. Hilfe, die der Kinderschutzbund ihnen geben kann und zwar mithilfe der „Schatzinsel“.

Die Idee der „Schatzinsel“ wurde im Lüdenscheider Arbeitskreis für psychisch erkrankte Eltern geboren. Bei der Ideenfindung mit an Bord waren neben dem Kinderschutzbund unter anderem die Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und die Klinik für Psychiatrie am Lüdenscheider Klinikum und der sozialpsychiatrische Dienst.

 „Wir haben uns gefragt, was wir für die betroffenen Kinder tun und wie wir die jeweiligen Familien unterstützen können“, erinnern sich Bärbel Junge und Katrin Nockemann, Mitarbeiterinnen des Lüdenscheider Ortsverbandes des Deutschen Kinderschutzbunde

Aufklärung über psychische Leiden

Die Liste der Hilfsmaßnahmen, die die „Schatzinsel“ bieten soll, ist lang. Ein wichtiger Punkt, betonen die Mitarbeiterinnen des Kinderschutzbundes, sei die kindgerechte Aufklärung über psychische Leiden. „Kinder sind automatisch mitbetroffen, wenn die Eltern psychisch erkranken. Sie bekommen mit, wie sich Vater oder Mutter verändern. Kinder sind gute Seismographen: Sie erspüren die Krankheit oft, bevor die Eltern das tun“, erklärt Katrin Nockemann.

Dennoch: Das Erspüren ziehe noch kein Verstehen nach sich. Die Verhaltensänderung durch Depressionen oder eine Suchterkrankung sei für Kinder nicht ohne Weiteres nachvollziehbar. „Und den Eltern fällt es aufgrund der Krankheit schwer, ihren Kinder die Gründe für die Veränderungen zu erklären. „Eltern wollen zuerst einmal ihre Kinder schützen. Sie wollen sie nicht belasten. Und deshalb wird viel versteckt. Aber das geht natürlich auf Dauer nicht gut“, berichtet Bärbel Junge.

"Schatzinsel"

Das Angebot der „Schatzinsel“ ist für Kinder kostenfrei. Weitere Informationen zur Gruppe erteilt der Kinderschutzbund (Ortsverband Lüdenscheid, Jahnstraße 15, 58509 Lüdenscheid) unter Tel. 0 23 51 / 30 10 und info@kinderschutzbund-luedenscheid.de. Die neue „Schatzinsel“-Gruppe startet nach den Sommerferien. Das Angebot läuft über neun bis zwölf Wochen. Anmeldungen nimmt der Kinderschutzbund unter der oben genannten Telefonnummer entgegen.

Bei der Aufklärung helfen den Mitarbeiterinnen des Kinderschutzbundes oftmals Kinderbücher. „Es gibt wirklich gute Geschichten, die behutsam das Thema der psychischen Erkrankung aufgreifen und Krankheitsbilder erklären. Die Kinder ziehen sich dann das aus den Geschichten, was sie angeht und was sie brauchen“, erklären Katrin Nockemann und Bärbel Junge.

Zentral sei, den Kindern klarzumachen, dass auch seelische Leiden Krankheiten sind. Katrin Nockemann: „Wenn Mutter oder Vater ein Gipsbein haben, dann ist das etwas Greifbares. Oder Fieber! Das kennen die Kinder dann von sich selbst. Dann wissen sie auch, wie man sich in solcher Lage fühlt, wie es einem geht. Aber eine Depression oder eine Borderlinestörung ist da schon eine andere Hausnummer.“ Im Rahmen der „Schatzinsel“ machen Bärbel Junge und Katrin Nockemann den Kinder deutlich, dass jeder Mensch an der Seele erkranken kann – und dass dies kein Makel ist. „Auch für diese Krankheiten gibt es Ärzte, Behandlungsmethoden, Therapien und Medikamente.“

Angst vor Krankheiten nehmen

Um den Kindern Angst zu nehmen, steht bei einem Treffen der „Schatzinsel“ auch ein Besuch der Klink für Psychiatrie und Psychotherapie am Klinikum Lüdenscheid auf dem Programm. „Die Kinder können dann erfahren, dass es nicht Schlechtes oder Verwerfliches ist, eine seelische Erkrankung zu haben. Sie lernen, dass diese Leiden Krankheiten sind wie alle anderen auch.“

le anderen auch.“ Einige der Kinder aus der „Schatzinsel“-Gruppe, die Katrin Nockemann und Bärbel Junge betreut haben, kannten die Klinik schon. „Dann können sie den anderen Kindern natürlich besonders gut helfen. Das nimmt Ängste. Und wenn die eigenen Eltern in Zukunft einmal zu einem Aufenthalt in der Klinik müssen, kennen sich die Kinder schon ein wenig aus. Sie wissen dann, wohin ihre Eltern gehen, haben die Räume gesehen, die Ärzte und Therapeuten. Das tut den Kindern gut – denn dann müssen sie weniger Sorgen und Angst haben.“

Ein Besuch im Krankenhaus

Vorbereitet wurde der Besuch, in dem die Kinder einen Fragenkatalog entwickelten. „Was gibt es im Krankenhaus zu essen?“ „Dürfen die Patienten auch nach draußen gehen?“ „Was machen die Patienten den ganzen Tag?“ „Das sind Fragen, die die Kinder beschäftigen. Für sie waren die Antworten wichtig. Sie haben ihnen Sicherheit gegeben“, berichtet Katrin Nockemann. Die Eltern der Kinder haben den Besuch im Klinikum sehr positiv aufgenommen, erklären Katrin Nockemann und Bärbel Junge. „Sie haben gesehen, dass dieser Schritt ihren Kindern helfen kann, mit der schwierigen Situation besser umzugehen.“

Ein weiteres wichtiges Anliegen der „Schatzinsel“ ist es, den Kinder von psychisch erkrankten Eltern dabei zu helfen, ihre eigenen Stärken zu entdecken, Ruhepunkte zu suche, Schuldgefühle abzubauen. „Die Kinder erleben in der Familie ein hohes Maß an Stress. Sie machen sich Sorgen um ihre Eltern. Sie müssen viel Verantwortung tragen. Und oft gibt es in der Familie nur noch wenig Alltag und geregelte Abläufe. Das schafft Unsicherheit“, zeigt Bärbel Junge auf. Bei den „Schatzinsel“-Treffen sollen die Kinder lernen, abzuschalten, zur Ruhe und zu sich selbst zu kommen. „Sie brauchen Zeit für sich. Die steht ihnen zu“, sagt Katrin Nockemann mit Nachdruck.

Einfach sei das nicht – „sie haben dann auch schnell Schuldgefühle.“ Da helfen Gespräche in der Gruppe und die Hilfe der Leiterinnen: „Es geht um Gefühle. Die kann man nicht steuern. Das erklären wir den Kindern. Und wir sagen ihnen deutlich, dass auch Gefühle wie Wut okay sind. Die dürfen sie haben.“

Zwischen Schuldgefühl und Lebensfreude

„Was kann ich tun, wenn ich wütend bin? Wie kriege ich wieder gute Gefühle? Darf ich lachen und Spaß haben, wenn es meinen Eltern schlecht geht?“ Diese Fragen kommen von den „Schatzinsel“-Kindern immer wieder. „Wir zeigen ihnen dann, dass sie ein Recht auf Selbstfürsorge haben. Sie dürfen dafür sorgen, dass es ihnen gut geht.“ Dabei hilft eine Schatzkarte, die die Kinder im Verlauf der „Schatzinsel“-Zeit erarbeiten. Sie kartografieren ihre Stärken und Notfallmaßnahmen, notieren Namen und Telefonnummern von Menschen, denen sie vertrauen und die ihnen in belastenden und schwierigen Situationen beistehen und helfen. „Und wenn mal wieder eine Krisensituation entsteht, haben die Kinder die Schatzkarte als Notfallplan an der Hand. Sie können sich mit ihrer Hilfe erinnern, wer hilft und was sie selbst für sich tun können“, erklärt Katrin Nockemann.

Die „Schatzinsel“ sei für die Kinder ein Rückzugsort und eine Stätte der Begegnung. Viele haben durch die Krankheit der Eltern nur wenig Kontakte zu Gleichaltrigen.

Die Eltern der „Schatzinsel“-Kinder schätze das Angebot des Kinderschutzbundes sehr. „Für sie ist es eine Möglichkeit, ihren Kindern zu zeigen, dass sie sie lieben und wertschätzen, weil sie ihnen das Geschenk dieser Gruppentreffen machen. Das hören wir immer wieder. Und viele Eltern erleben positive Veränderungen an ihren Kindern. Sie sind fröhlicher, die schulischen Leistungen werden besser. Es ist ein Gewinn für alle“, betonen Katrin Nockemann und Bärbel Junge.

Unterstützung von „Aktion Mensch“

Das Gruppenangebot der „Schatzisel“ bietet die Ortsgruppe Lüdenscheid des Kinderschtzbundes kostenlos an. Wie finanziert der Kinderschutzbund die Maßnahme für Kinder von psychisch erkrankten Eltern? „Drei Jahre lang werden wir von der ‘Aktion Mensch’ unterstützt. In dieser Zeit müssen wir einen Eigenanteil von 6000 Euro aufbringen“, erklären Katrin Nockemann und Bärbel Junge.

Diese Summe setze sich aus Spenden zusammen, berichten die Mitarbeiterinnen des Kinderschutzbundes. Diese Spenden jedes Jahr zusammenzubekommen, sei alles andere als leicht. „Wir haben uns das ein wenig einfacher vorgestellt“, geben Katrin Nockemann und Bärbel Junge zu.

Mit den normalen Haushaltsmitteln, die dem Kinderschutzbund zur Verfügung stehen, sei das Projekt jedenfalls nicht durchzuführen. „Es gibt nur wenig Fördermittel. Und auch die Krankenkassen öffnen sich nicht für Projekte dieser Art“, sag Katrin Nockemann. Also muss der Kinderschutzbund auch in Zukunft auf ausreichende Spenden aus der Bevölkerung hoffen, um das Angebot der „Schatzinsel“ auch weiterhin anbieten zu können. „Wir möchten das natürlich nur zu gern tun können, weil wir wissen, wie wichtig die Gruppe für die Kinder ist“, betonen Katrin Nockemann und Bärbel Junge.

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