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P&C-Schandfleck in der City: Investor Terragon springt ab

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Von: Olaf Moos

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Neubau in der Lüdenscheider Innenstadt
So sollte der Neubau auf dem P & C-Areal am Sternplatz aussehen. Doch das Projekt Seniorenwohnen ist nach zweijähriger Planungsphase gescheitert. Der Stadt droht weiter Stillstand in 1a-Lage. © Stephan Höhne Gesellschaft von Architekten

Zwei Jahre Planung und Verhandlungen sind dahin, alle Hoffnung war vergebens – die Zeichen stehen wieder auf Anfang: Die Berliner Terragon Projekt GmbH hat sich von dem Vorhaben verabschiedet, eine komfortable Seniorenresidenz am Sternplatz zu errichten.

Lüdenscheid - Damit droht der Lüdenscheider Innenstadt weiter Stillstand in 1a-Lage. Die Nachricht aus der Hauptstadt kam für Bürgermeister Sebastian Wagemeyer und seinen Planungschef Martin Bärwolf offenbar überraschend. Einen „Plan B“ haben die Verantwortlichen der Stadtverwaltung nach eigenen Worten nicht.

Terragon-Geschäftsführer Martin Linz begründet den Rückzug aus Lüdenscheid unter anderem mit drastisch gestiegenen Baukosten. Die Grundstücks-Situation in Hanglage sei „sehr herausfordernd“, die verkehrliche Erschließung nur über das Sauerfeld mit Zufahrt zu einer Tiefgarage möglich, der Tiefbau müsste aufwendig mit sogenannten Bohrpfahlwänden gesichert werden – und um eine Mindestfläche wirtschaftlich betreiben zu können, sei der Bau eines Hochhauses auf dem Sockelgebäude zwingend, so Linz. „Diese sehr hohen Kosten ziehen Mietpreise nach sich, die einfach nicht marktgerecht wären.“

Zum finanziellen Risiko gesellt sich aktuell ein weiteres Problem. Wie Linz erklärt, sei der mögliche Betreiber des Seniorenwohnens am Sternplatz den Investoren „nicht mehr gefolgt“ und habe Abstand von dem Projekt genommen. Geplant war nach Angaben des Terragon-Chefs ein „50/50-Joint-Venture“ mit dem in Frankfurt am Main ansässigen Gesundheitskonzern Agaplesion, der als gemeinnützige Aktiengesellschaft (gAG) neben Krankenhäusern auch Wohn- und Pflegeeinrichtungen betreibt.

Lüdenscheids Bürgermeister Wagemeyer: „Absolut bedauerlich“

Aus welchem Grund Agaplesion der Terragon AG für das Lüdenscheider Projekt eine Absage erteilt hat, darüber hat Martin Linz nach eigenen Worten keine plausible Erklärung. Selbst Terragon-Gründer und Vorstandsvorsitzender Dr. Michael Held sei über den Rückzug des Betreibers „sehr verwundert“ gewesen. „Eventuell liegt es an der mangelnden Phantasie, sich eine Realisierung vorstellen zu können, wenn man sich den aktuellen Zustand des P & C-Gebäudes anguckt“, so der Geschäftsführer.

Bürgermeister Wagemeyer bezeichnete das Scheitern der Pläne für die Innenstadt im LN-Gespräch als „absolut bedauerlich“. Das Seniorenwohnen am Sternplatz sei ein „zentrales Schlüsselprojekt für die Stadt“ gewesen. Sowohl sein Vorgänger Dieter Dzewas als auch er selbst hätten zahlreiche Gespräche geführt, um das Vorhaben auf den Weg zu bringen, so Wagemeyer.

Die Chronologie einer Serie gescheiterter Projekte

Die aktuelle Entwicklung rund um die P & C-Immobilie am Sternplatz reiht sich ein in eine inzwischen elf Jahre andauernde Serie gescheiterter Projekte.

Zur Historie: Die Blütezeit des ehemaligen Kaufhauses Krause an diesem Standort beginnt 1935 und wird im Januar 1950 durch einen verheerenden Brand jäh unterbrochen. Nach dem Wiederaufbau ist das Warenhaus 1955 mit drei Geschossen am damaligen Straßenstern wieder erste Adresse in der Innenstadt. Anfang 1977 verpachtet die Familie Krause das Gebäude an die Leffers AG.

Im September 2009 kauft das Modehaus Peek & Cloppenburg den Komplex und kündigt Abriss und Neubau an. Zwei Jahre später stellt der Konzern den Entwurf des neuen Gebäudes vor. Der Rat segnet die Pläne im Oktober 2012 mehrheitlich ab. Bis Mitte 2013 tut sich nichts – außer eine Asbestsanierung im Inneren.

Ende 2015 teilt P & C mit, man suche nach Investoren für das Projekt. Im Mai 2017 erklärt der Konzern den Standort Lüdenscheid als „nicht optimal geeignet“ und plant den Verkauf. Ende 2018 stellt der Lüdenscheider Unternehmer Roland Rothmann seine Idee für einen 44 Meter hohen „Stadtturm“ mit Läden, Büros und 50 Wohnungen vor. Doch die Politik lehnt eine Beteiligung der Stadt als Mieterin großer Flächen ab. Eine „abgespeckte“ Version des Investors scheitert schließlich an mangelnder Rendite.

Demnach hat sich der Bürgermeister vor allem in die schwierigen Verhandlungen zwischen Terragon und der Volksbank eingeschaltet. Darin ging es unter anderem um ein Verkehrsgutachten für die Erschließung einer neuen Tiefgarage über einen Teil des Bank-Areals am Sauerfeld oder um Abstandsgrenzen bei der Bebauung des Grundstücks in direkter Nachbarschaft zu dem Geldinstitut.

Wie knapp vor dem Ziel das Vorhaben nun gekippt ist, erläutert der Terragon-Chef in wenigen Sätzen. Linz bestätigt, dass die langwierigen Abstimmungsgespräche mit dem Volksbank-Vorstand letztlich zu einer „inhaltlichen Einigung“ geführt hätten. Mit dem Eigentümer der Brache, dem P & C-Konzern, sei man sich „in den wesentlichen Punkten über einen Kaufvertrag einig“ gewesen.

„Und die Stadt hat uns einen roten Teppich ausgerollt. Wir haben größte Unterstützung aus dem Rathaus erfahren und super mit den Verantwortlichen zusammengearbeitet.“ Auch mit den Nachbarn am Sternplatz sei man sich weitgehend einig gewesen. Das gelte nicht für die Häuser Wilhelmstraße 12 und 14, „aber auch da waren wir auf einem guten Weg“. Martin Linz: „Doch am Ende müssen wir leider sagen: Wir kriegen es nicht hin.“

Einen letzten Funken Hoffnung sieht der Terragon-Chef dennoch. Denn der Standort Sternplatz sei „sehr gut geeignet für Seniorenwohnen“. Sein Unternehmen spreche nach dem Abschied von der Komfort-Version nun mit anderen möglichen Betreiber-Partnern, die „eine Nummer kleiner“ planen und zum Beispiel keine Tiefgarage benötigen. „Auch im mittleren Segment gibt es Anbieter.“

Parallele Planung nicht betrieben

Die Reaktion des städtischen Planungschefs Martin Bärwolf klingt weniger hoffnungsfroh. „Die Innenstadt-Entwicklung ist schon schwierig genug.“ Mit Blick auf „Plan B“ habe es zwar „immer wieder Leute gegeben, die gefragt haben“, aber eine Planung parallel zum Terragon-Projekt „haben wir nicht betrieben“, so Bärwolf. „Das wäre dem Investor gegenüber auch unfair.“

Nun wollen Bürgermeister Wagemeyer und seine Fachleute verstärkt auf das Instrument einer Stadtentwicklungs-Gesellschaft (SeG) setzen. „Wir müssen offensiver als in der Vergangenheit den Ankauf und die Entwicklung von Flächen vorantreiben“, so das Stadtoberhaupt. Dazu gehöre auch die Ausübung des städtischen Vorkaufsrechts, das in den vergangenen Jahren – Beispiel: neuer Standort für die Feuerwehr an der Wiesenstraße – „so viel wie noch nie angewandt wurde“.

Die Gründung einer SeG muss nach Wagemeyers Worten „zügig, so schnell wie’s geht – und nicht erst in fünf Jahren“ über die Bühne gehen. Die Frage, ob etwa ein städtisches Vorkaufsrecht für die P & C-Immobilie in Betracht kommt, beantwortet der Bürgermeister mit den Worten: „Das ist nicht das primäre Ziel, aber absolut illusorisch ist das auch nicht.“

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