Viele Funde in heimischen Höhlen

Schädel eines Höhlenbären

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Möglicherweise war dieses Tier vor zigtausenden von Jahren in der Rahmede heimisch.

Lüdenscheid - Die Geschichte der Sammlung der Lüdenscheider Museen begann nicht erst mit dem Umzug zum Sauerfeld im Jahr 1988. Schon Jahrzehnte vorher wurden im Heimatmuseum an der Liebigstraße Relikte und Objekte aus der Region aufbewahrt und gezeigt. Sie gehören auch heute noch zu den historischen Schätzen im Fundus der Museen. Manche von ihnen sind jahrtausendealt – wie der Schädel eines jungen Höhlenbären, den wir nun im Virtuellen Museum zeigen.

Er ist Teil einer sehr umfangreichen paläontologischen und geologischen Sammlung, die unter anderem aus dem Besitz der Familie Sönnecken stammt. Dr. Manfred Sönnecken, der 2003 im Alter von 75 Jahren verstarb, hat sich mit seinen archäologischen Forschungen weit über die Grenzen der Region hinaus einen Namen gemacht und wurde dafür mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet. Aber die Sammlung der Familie reicht noch weiter zurück. 

Bereits im Museum an der Liebigstraße zählte die vorgeschichtliche Sammlung von Walter Sönnecken, Höhlenforscher und Archäologe, zu einer von vier Sammlungen, denen Dr. Walter Hostert, der erste und ehrenamtliche Leiter des Museums, in der Publikation „Lüdenscheid. Industriestadt auf den Bergen“ aus dem Jahr 1964 besondere Bedeutung beimaß. Darin beschreibt er, dass nach der Gründung des Museums in den 1950er-Jahren insgesamt vier Sammlungen zu verschiedenen Aspekten der Stadtgeschichte von Bürgern übernommen wurden – eben auch die der Familie Sönnecken. Daraus stammt mutmaßlich dieser Schädel des jungen Höhlenbären.

Knochen aus dem Eiszeitalter

Höhlenbären lebten in der letzten Kaltzeit, die vor rund 110.000 Jahren begann und etwa vor 10.000 Jahren endete, in Europa, von Nordspanien bis zum Ural. Ausgewachsene Tiere waren mit einer Kopf-Rumpf-Länge von bis zu 3,5 Metern und einer Schulterhöhe von etwa 1,7 Metern deutlich größer als der heutige Braunbär, wobei die Weibchen etwas kleiner als die Männchen waren. Die Forschung geht davon aus, dass Höhlenbären sich ausschließlich von Pflanzen ernährt haben. In Höhlen zurückgezogen haben sie sich lediglich während der Winterruhe. 

Auch in der Dechenhöhle in Iserlohn wurden zahlreiche Knochen von Höhlenbären gefunden – mehr als von anderen Tieren des Eiszeitalters –, was die Forscher als Hinweis darauf deuten, dass die Bären die Höhlen während des Winterschlafs und als Sterbeort aufgesucht haben. Das Deutsche Höhlenmuseum in Letmathe besitzt das nahezu komplette Skelett eines in der Dechenhöhle gefundenen Jungtiers. Solche kompletten Funde sind trotz vielfacher großer Ansammlungen von Knochen und Zähnen von Höhlenbären in vielen Höhlen in Europa selten.

Wo der Schädel gefunden wurde, den die Lüdenscheider Museen in ihrer Sammlung haben, ist nicht bekannt, möglicherweise in Menden, mit hoher Wahrscheinlichkeit jedoch in der Gesshardt-Höhle in Grünewiese, zwischen Lüdenscheid und Altena. Über diese schrieb Walter Sönnecken 1966 in der Publikation „Höhlen des Sauerlandes“, dass sie ohne Frage, „die wichtigste und bedeutendste Höhle“ der Region um Lüdenscheid sei.

Eine „ausgesprochene Bärenhöhle“

Sie wurde 1911 beim Brunnenbau entdeckt. Bereits bei den ersten Grabungen, die nach dem Ersten Weltkrieg fortgesetzt wurden, sei demnach „eine beträchtliche Menge fossiler Knochen“ gefunden worden, „deren Sicherstellung das Verdienst des verstorbenen Geologen F. Kuhse ist“, wie Sönnecken schreibt.

Er selbst habe bei weiteren Untersuchungen herausgefunden, dass die Gesshardt-Höhle eine „ausgesprochene Bärenhöhle“ gewesen sein muss. Als Beweis dafür führt er unter anderem die Auffindung eines vollständigen Höhlenbären-Skelettes im hinteren Teil der Höhle an. Insgesamt seien Überreste von etwa 30 Tieren geborgen worden. Dass es keine Knochen von anderen Tieren gab, wertet er als weiteren Beweis dafür, dass die Höhlenbären-Knochen nicht dorthin geschleppt wurden. Seit 1983 ist die Höhle nicht mehr öffentlich zugänglich. 

Blick von vorne auf den Schädel des jungen Höhlenbären.

Der Schädel, den wir im Virtuellen Museum zeigen, hat inzwischen den Vermerk bekommen: „Nicht thematisch verwendbar“, denn bei einer wissenschaftlichen Überprüfung hat sich gezeigt, dass Zähne verschieden groß sind und damit nicht von ein- und demselben Tier stammen können. Die Rekonstruktion ist damit zwar fehlerhaft, bleibt aber dennoch ein imposantes Relikt der Ur- und Frühgeschichte der Region und ist ein wichtiges Dokument der archäologischen Forschung im frühen 20. Jahrhundert auch in der heimischen Region.

Nur bedingt für Ausstellungen geeignet 

Daneben gibt es übrigens das vollständige Skelett eines ebenfalls jungen Höhlenbären im Depot der Museen – dass es dasselbe ist, das Sönnecken in der Gesshardt-Höhle gefunden hat, ist wahrscheinlich, aber nicht eindeutig belegt, zumal es Fotografien gibt, die Walter Sönnecken mit eben jenen Skelett in seiner Sammlung zeigen. Aber auch dieses eignet sich aus heutiger Sicht nur bedingt als Ausstellungsstück zur Ur- und Frühgeschichte, denn, wie inzwischen belegt ist, wurden auch für dieses imposante Stück Knochen verschiedener Tiere zusammengesetzt. Eine Methode, die in früheren Jahrzehnten in der musealen Präsentation nicht unüblich war und auch heute noch genutzt wird, um Höhlenbären – oder andere Lebewesen – wirkungsvoll in Szene zu setzen. Das ist durchaus legitim, aber eben „nicht thematisch verwertbar“.

Auch im Museum an der Liebigstraße hat es, wie sich viele Lüdenscheider noch erinnern, eine entsprechende Präsentation gegeben, um den Besuchern, insbesondere auch Schulklassen, diese frühe Periode der Erdgeschichte nahezubringen.

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