Über das Schicksal zweier Lüdenscheider Familien

Rothschild und Noach: Nazis ermorden zwei Lüdenscheider Familien

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Auf einem Foto der jüdischen Klasse Lüdenscheids von 1934 sind sowohl Rita Noach (hintere Reihe Mitte) als auch Margot (erste Reihe, dritte von links) und Josef Rothschild (zweite Reihe Mitte) abgebildet.

Lüdenscheid – Zum 75. Mal jährte sich am Montag die Befreiung des Konzentrationslagers (KZ) Auschwitz-Birkenau. Auch in Lüdenscheid lebten jüdische Familien, die dem Terror der Nationalsozialisten ausgeliefert waren und in den Vernichtungslagern ermordet wurden.

Dazu gehörten zum Beispiel die Familien Noach und Rothschild. 

Zum Gedenktag berichten die LN über das Schicksal dieser beiden Familien:

Die Familie Noach 

Die ursprünglich niederländische Familie Noach war in Lüdenscheid durch ihr Lebensmittelgeschäft an der Wilhelmstraße 51 bekannt, das sie seit 1905 betrieb. Sigismund Noach hatte das Geschäft 1912 nach dessen Tod von seinem Vater im Alter von 22 Jahren übernommen und verkaufte Delikatessen, Obst und Gemüse an der Stelle, wo sich heute ein Friseursalon befindet. 

In zweiter Ehe heiratete er Ella Grünebaum und bekam mit ihr im Februar 1923 ihre Tochter Rita. Diese besuchte die Lüdenscheider Volksschule und das Lyzeum am Sauerfeld, wie Hans-Ulrich Dillmann berichtet, der derzeit an einer Biografie zur jüdischen Bevölkerung Lüdenscheids, die dem Holocaust zum Opfer gefallen war, schreibt. 

Als ab 1933 die staatlich geförderte Hetze gegenüber jüdischen Mitbürgern auch in Lüdenscheid offenkundig geworden war, beschlossen Ritas Eltern über Köln in die Niederlande auszuwandern, woher die Eltern von Sigismund Noach ursprünglich stammten. Diskriminierung und Boykottmaßnahmen hatten sich beim Umsatz ihres Lebensmittelgeschäftes bemerkbar gemacht. 

An der Wilhelmstraße 51, wo sich bis in die 1930er-Jahre das Lebensmittelgeschäft der Familie Noach befand, ist heute ein Friseursalon zu finden.

In einem Interview mit dem Historiker Matthias Wagner berichtete Rita Noach zu ihren Lebzeiten: Als die Nazis 1933 an die Macht kamen und die Repressalien gegen die Juden begannen, setzten Sigismund und Ella Noach alles daran, die Anfeindungen, denen sie ausgesetzt waren, von ihrer Tochter fernzuhalten. So habe sie erst später erfahren, dass sich in Lüdenscheid weit mehr ereignet habe, als sie damals ahnte. Denn in der Schule hatten ihr Lehrer und Schüler nichts in den Weg gestellt. 

Die Familie reiste nach Amsterdam, zur Schwester von Sigismund Noach, die schon vorher aus Lüdenscheid in die Niederlande geflohen war. Doch auch dort war die Lüdenscheider Familie nur einige Jahre sicher. Denn nachdem die Niederlande 1940 von deutschen Truppen besetzt worden waren, begannen ab 1942 auch dort Deportationen. Die Noachs wollten untertauchen, wurden jedoch von einem Geschäftskompagnon von Sigismund Noach und dessen Schwager verraten. 

Vater wird deportiert, Frau und Tochter kurz darauf

Der Familienvater wurde gleich deportiert, seine Frau und seine Tochter ein halbes Jahre später. Zuerst brachte man Sigismund Noach in das KZ Herzogenbusch, von dort wurde er im März 1943 in das Durchgangslager Westerbork verlegt und eine knappe Woche später nach Auschwitz deportiert. Er wurde noch im selben Jahr im Vernichtungslager Sobibor ermordet. 

Mutter und Tochter kamen im Juni 1943 nach Herzogenbusch. Fünf Monate später wurde Ella Noach über Westerbork direkt nach Auschwitz weiterdeportiert und im Januar 1944 schließlich ermordet. Rita Noach hatte bereits, bevor sie ins KZ Herzogenbusch gebracht wurde, Zwangsarbeit für Philips Electronics in Eindhoven leisten müssen und dort Radioröhren montiert. 

Von Herzogenbusch wurde sie nach Auschwitz deportiert und neun Tage später weiter nach Süddeutschland abtransportiert, um Zwangsarbeit für Siemens zu leisten, wie Hans-Ulrich Dillmann erklärt. Rita Noach, die nach Ende des Krieges wieder in die Niederlande zurückkehrte, zählt zu den wenigen, die im Konzentrationslager überlebten. 

Sie heiratete den Niederländer Marius Dreese, mit dem sie 1990 den Empfang für ehemalige jüdische Mitbürger in Lüdenscheid besuchte. Gemeinsam haben sie einen Sohn. Rita Dreese-Noach verstarb 2010 in Den Haag. 

Die Familie Rothschild 

Eine weitere jüdische Familie, die zwar nicht gebürtig aus Lüdenscheid kommt, aber eine Zeit lang in der Bergstadt lebte, sind die Rothschilds. Der Vater, David Rothschild, wurde am 24. Juni 1886 in Goldbach bei Aschaffenburg geboren und arbeitete für die Firma Leonhard Tietz, später Kaufhof AG. 

Er war Einkäufer und Betriebsleiter und kam in seiner Stellung an verschiedenen Plätzen zum Einsatz, wie es in einer Wiedergutmachungsakte im Stadtarchiv heißt. 

So auch in Lüdenscheid. Dort lebte er mit seiner Frau Else Rothschild, die mit Geburtsnamen Schick hieß, und seinen beiden Kindern Josef und Margot. Sie besuchten genauso wie Rita Noach die jüdische Klasse der jüdischen Gemeinde, wie ein Foto von einem Ausflug im Jahr 1934 im Stadtarchiv zeigt. Zehn Jahre lang war David Rothschild Geschäftsführer in der Lüdenscheider Filiale gewesen, als ihm am 31. Oktober 1935 aus rassistischen Gründen gekündigt wurde. 

Nach sechs Jahren in Tschechien deportiert

Auf der Suche nach einer neuen Tätigkeit, und um weiteren Verfolgungsmaßnahmen zu entgehen, wanderte er im Januar 1936 nach Prag aus. Dort wurde er Teilhaber in der Firma Osswald Jerusalem, einer Wäschefabrik, war jedoch in den Jahren in Prag in wirtschaftlicher Not. 

Nach sechs Jahren in Tschechien wurde die vierköpfige Familie am 13. Juli 1943 nach Theresienstadt deportiert und am 6. September weiter nach Auschwitz. Dort wurde die gesamte Familie vermutlich ermordet. 

Der Wiedergutmachungsakte im Stadtarchiv ist zu entnehmen, dass David Rothschild am 8. Mai 1945 für die Ausstellung des Erbscheins für tot erklärt wurde. Im Buch Lüdenscheider Jüdinnen und Juden ist in einer Liste der jüdischen Bürger Lüdenscheids von 1933-1945 bei seiner Frau Else und seinem Sohn Josef ebenfalls vermerkt, „verschollen, 08.05.1945 für tot erklärt“, nur bei Margot Rothschild steht lediglich „verschollen“. Die Wiedergutmachung forderten Verwandte aus den USA.

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