Strafprozess geplatzt

Richter staunt: Angeklagter reist in Irak, will aber an Weihnachten zurück sein

Mann ballt seine Faust
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Symbolbild

Die Corona-Pandemie bremst auch das Arbeitstempo der Justiz aus. In den Geschäftszimmern des Amtsgerichts am Dukatenweg sorgt der Lockdown für eine weitere Ausdünnung von Kontakten. Zweier-Teams, die seit Jahren Schreibtisch an Schreibtisch existieren, werden zeitweise aufgelöst. Die Richter verhandeln nur noch unaufschiebbare Fälle. Der eines 23-Jährigen Angeklagten aus Lüdenscheid gehört dazu.

Lüdenscheid - Doch das Schöffengericht unter Vorsitz von Amtsrichter Thomas Kabus tritt mal wieder vergeblich zusammen. Strafverteidiger Michael Titze aus Dortmund berichtet über seinen Mandanten: „Der ist seit ein paar Tagen im Irak.“

Er habe gesagt, er wisse nichts von einer Vorladung und komme erst am 23. Dezember zurück. Man hat wohl telefoniert. Der Vorwurf der versuchten räuberischen Erpressung bleibt also zunächst unaufgeklärt.

Was im Juristendeutsch wie ein Kapitalverbrechen klingt, ist diesmal nichts weiter als fiese kleine Straßenkriminalität. Im Strafgesetzbuch heißt es: „Wird die Erpressung durch Gewalt gegen eine Person oder unter Anwendung von Drohungen mit gegenwärtiger Gefahr für Leib oder Leben begangen, so ist der Täter gleich einem Räuber zu bestrafen.“

In diesem Fall war es so, dass der Angeklagte am 3. Februar 2019 einen jungen Mann auf der Straße ausnehmen wollte – frei nach dem Motto: „Kohle, sonst Fresse!“ Wie es dazu kam, bleibt vorerst im Verborgenen.

Auch das Opfer des Angeklagten ist dem Prozess fern geblieben. Der Geschädigte ist aber nicht in den Irak gereist, sondern in einer Fachklinik in Hagen untergebracht.

Richter Kabus verhängt ein Ordnungsgeld über 200 Euro gegen den säumigen Zeugen, ersatzweise vier Tage Ordnungshaft. „Weitergekommen wären wir heute sowieso nicht.“ Gegen den Irak-Touristen beantragt die Staatsanwältin Haftbefehl.

Rechtsanwalt Titze findet eine „Freiheitsentziehung unverhältnismäßig“. Obwohl die Ladung zum Termin seinem Mandanten schon am 14. Mai zugestellt wurde. Doch die Richter sehen es ähnlich wie Titze.

Die Verhandlung wird vertagt, ein neuer Termin von Amts wegen festgesetzt. Der Angeklagte soll polizeilich vorgeführt werden.

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