Mahner und Zeitzeuge: Richard Oettinghaus wird 90

+
Peter Oettinghaus

Lüdenscheid -  Als Richard Oettinghaus am 10. August 1925 an der Straße „Zur Normandie“ geboren wurde, konnte er nicht ahnen, dass die Normandie in seinem Leben eine bedeutende und prägende Rolle spielen sollte. Am Montag feiert der Lüdenscheider seinen 90. Geburtstag und lädt für mittags gegenüber seiner Wohnung am Honseler Bruch 45 auf dem Grundstück der benachbarten Familie Wacker zu einer Feier ein.

Der kleine Richard wurde nach dem Umzug zur Luisenstraße in die Altstadt an der Südschule eingeschult. Sie befand sich damals schräg gegenüber der Freimaurerloge an der Freiherr-vom-Stein-Straße. Am 19. März wurde er von Pfarrer Sichtermann in der Erlöserkirche konfirmiert.

Der Zweite Weltkrieg bedeutete für den jungen Mann wie für viele andere einen tiefen Einschnitt. Als Reichsarbeitsdienst-Soldat war er von 1942 bis 1944 im Wehrertüchtigungslager, erlebte die Invasion der Alliierten in der Normandie mit und wurde in französischer Gefangenschaft ins Minen- und Bombenkommando geschickt. Er sah, wie viele seiner Mitgefangenen von Bomben zerfetzt wurden. „Das war schrecklich. Jeder Tag begann mit der Angst, dass es der letzte sein könnte. Schon damals habe ich mir geschworen, dass wenn ich überlebe und nach Hause komme, das irgendwann den Menschen erzählen werde.“

Das tat er dann auch später, wurde als Zeitzeuge Mahner gegen Rassismus und Gewalt, schrieb zwei Bücher – „Ich hing für Deutschland am Pfosten“ und „Mein zweiter Geburtstag“ – und hielt vor vielen Schülern Lesungen.

Nach seiner Heimkehr aus dem Krieg war er zunächst im Straßen- und Tiefbau tätig, fing dann bei der Bahnpolizei in Brügge an, wo es eine kleine Wache gab, später am Düsseldorfer Hauptbahnhof, und ging als Bundesbahnhauptsekretär im Alter von 60 Jahren in den Ruhestand. Mit seiner Frau Anne und dem 1957 geborenen Sohn Peter unternahm er viele Reisen. Als Presbyter war er in der Kreuzkirchengemeinde aktiv und wurde dort 1980 verabschiedet. „Ich habe so Paul Deitenbeck kennengelernt – ein beeindruckender Mann.“

Am 12. Juni 2002 war er Gründungsmitglied der freien Wählergemeinschaft „Alternative für Lüdenscheid“ (AfL), dessen Vorsitzender Sohn Peter ist. „Wir wollten uns nicht parteilich binden und uns konkret vor Ort um die Lösung von Problemen kümmern.“ Noch heute ist er sachkundiger Bürger mit Stimmrecht im Bau- und Verkehrsausschuss.

Ein schwerer Schicksalsschlag traf ihn am 21. Februar 2011, als seine Ehefrau Anne kurz vor ihrer Diamantenen Hochzeit verstarb. „Das war sehr, sehr schlimm nach einer so langen gemeinsamen Zeit“, erinnert sich Richard Oettinghaus und schweigt eine Zeitlang.

Sein Einsatz gegen das Vergessen und gegen Rechtsextremismus hat dem rüstigen und belesenen Senior übrigens eine besondere Auszeichnung eingebracht: An der Gesamtschule Waldbröl, die eine „Schule ohne Rassismus und mit Courage“ ist, wurde er „Pate gegen Rechts“, und so sieht er mit Blick auf neun Jahrzehnte auf ein „ein erfülltes Leben“ zurück. Das wünschen ihm die LN auch weiterhin und gratulieren herzlich zum 90. Geburtstag.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das Login-Formular anmelden.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare