Rentner wegen sexuellen Missbrauchs verurteilt

LÜDENSCHEID ▪ Der Richter handelt schon, bevor der Prozess losgeht. Im Treppenhaus des Amtsgerichtes lehnt sich ein Mädchen (15) schluchzend an die Schultern der Mutter. Der Freund ihrer Oma hat sie missbraucht. Sie war sechs, als es begann. Der Richter möchte es ihr ersparen, in den Zeugenstand treten zu müssen. Das Mädchen weint: „Ich mache das! Auf jeden Fall!“ Doch das entscheidet sie nicht. Das entscheidet der Angeklagte. Packt er aus, ist die Sache schnell beendet. Bestreitet er, muss sein Opfer aussagen – und Details erzählen.

Doch Strafverteidiger Dirk Löber hat vorgesorgt. „Wenn er sich entschlossen hätte, alles abzustreiten, hätte ich das Mandat niedergelegt“, sagt der Rechtsanwalt am Rande des Prozesses. Sein Mandant sei geständig. Der Staatsanwalt liest vor, was dem 77-Jährigen zur Last gelegt wird: sexuelle Übergriffe, mit Worten, mit den Händen, mit seinem Fotoapparat. Dirk Löber bittet um eine Unterbrechung. Das Gericht zieht sich zurück. Der alte Mann wartet. Und sagt: „Jetzt kann man nur noch hoffen. So’ne Scheiße hier!“

Das Ergebnis der Beratung: Zwei der fünf angeklagten Taten bestreitet der Lüdenscheider, den Rest gibt er zu, nicht gerade reumütig, und redselig schon gar nicht. Der Richter fragt: „Stimmt das ansonsten so, was in der Anklage steht?“ Der Kinderschänder antwortet: „Ja ja.“ Das Gericht verkündet einen Beschluss: „Auf die Vernehmung der Zeugin wird in allseitigem Einvernehmen verzichtet.“ Die Mutter wird hereingerufen. Als sie erfährt, dass es für ihre Tochter – zumindest juristisch – ausgestanden ist, atmet sie hörbar durch und bricht in Tränen aus.

Eine Psychologin, als Sachverständige geladen, sagt, dass es für das Mädchen das Wichtigste sei, „dass er’s zugegeben hat“. Von einer Vernehmung der Schülerin – auch, wenn die es dem Opa noch mal ins Gesicht sagen möchte – hält sie nichts. „Ich glaube, sie überschätzt sich da.“

Fehlt noch das Protokoll der Hausdurchsuchung. Der Richter blättert in den Akten und liest etwas vor, von „Videocassetten, Heftchen und diesen blauen Tabletten“. Der Staatsanwalt erspart es den anwesenden, „die unappetitlichen Dinge“ nochmals aufzuzählen und nennt besonders den Vertrauensbruch gegenüber dem Kind als straferschwerend. „Ohne Geständnis hätte ich keine Bewährung beantragt.“ Aber so: 18 Monate mit Bewährung und Zahlung von 1500 bis 2000 Euro an eine gemeinnützige Einrichtung.

Löbers Antrag liegt pflichtgemäß etwas darunter. Das Gericht folgt dem Antrag des Anklägers. Auf dem Flur spricht der 77-Jährige den Pressevertreter der LN-Redaktion an. „Schreib das bloß vernünftig!“ - omo

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