Reichspogromnacht 1938: Ehemalige Lüdenscheiderin erinnert sich

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Die 85-jährige Ortrud Ratz lebt heute in Augsburg.

Lüdenscheid - Der 9. November 1938 zählt zu einem der dunkelsten Kapiteln in der Geschichte Deutschlands. In der Nacht vom 9. auf den 10. November zerstörten Nationalsozialisten in Deutschland, Österreich und Tschechien Geschäfte jüdischer Mitbürger. Sie setzten Synagogen in Brand, töteten und folterten jüdische Männer und Frauen.

Heute ist diese Nacht als Reichspogromnacht bekannt. Ortrud Ratz, geborene Schliebener, lebte 1938 mit ihrer Familie in Lüdenscheid. Einige ihrer Erinnerungen an dieses Jahr, die Propaganda und die Taten der Nazis hat Ortrud Ratz ihrem Bruder Erhard Schliebener erzählt, der sie zu Papier brachte.

1938 besuchte Ortrud Ratz, die heute in Augsburg lebt, die Ostschule. die heutige Pestalozzi-Schule. Mit ihren Eltern und vier Geschwistern wohnte Ratz damals an der Werdohler Straße im Haus des Fabrikanten Cordt.

Im zweiten Schuljahr wurden Mädchen und Jungen gemeinsam unterrichtet. „Im Schönschreibunterricht wurde die Sütterlinschrift intensiv geübt“, berichtete Ortrud Ratz. „Besonders lebendig stehen mir noch zwei Lehrkräfte vor Augen: Fräulein Vietz und ein Lehrer, dessen Name ich leider nicht mehr weiß. Obwohl er wegen seines Humors und der schönen Geschichten, die er uns erzählte, bei uns Schülern sehr beliebt war. Wir nannten ihn den ,Witzelehrer‘. Vielleicht erinnern sich auch andere Schüler des Jahrgangs 1929 an diese Lehrkräfte.“

In den 30er-Jahren lief die Propaganda der Nationalsozialisten und ihr Hass gegen die jüdischen Bürger auf Hochtouren. Im Jungvolk und der Hitlerjugend wurde damals gern ein Gassenhauer gesungen, in dem laut Ortrud Ratz besonders gemein und brutal die Vertreibung der Juden besungen wird. Auch bei einem Klassenausflug wurde 1938 das Lied angestimmt. „Unter der Leitung von Frau Vietz wanderten wir ein Stück hinaus in die Umgebung. Plötzlich fingen die Jungen an, das gemeine Lied zu singen. Bei Frau Vietz aber kamen sie an die falsche Adresse. Sie wurde fuchsteufelswild und verbot den Jungen bei Strafe, noch einmal dieses Lied zu singen. Da war Ruhe“, erinnerte sich Ortrud Ratz.

Erhard Schliebener (81) schrieb die Erinnerungen seiner Schwester Ortrud Ratz an das Jahr 1938 auf.

Zurück in der Schule wurden die Kinder von dem beliebten Lehrer erwartet. „Es fiel uns sofort auf, dass er sehr ernst war. Dann erzählte er uns von seinen Erlebnissen während der Soldatenzeit im Ersten Weltkrieg.“ Er berichtete von einem jüdischen Kriegskameraden, der mit ihm an der Front gekämpft hatte und der für seine Tapferkeit das Eiserne Kreuz verliehen bekam. „So machte er uns Kindern im zweiten Schuljahr klar, dass Juden nicht verachtungswürdige Volksschädlinge waren, wie die Nazi-Propaganda immer behauptete.“

Ganz sicher, erklärte Ratz, herrschte im Jahr 1938 in Deutschland ein Klima der Angst, was die Kinder allerdings noch nicht recht begreifen und einordnen konnten. „Diffamierung Andersdenkender und Gesinnungsschnüffelei waren an der Tagesordnung.“

Eines Tages kam Hartmut, der älteste Bruder von Ortrud Ratz, ganz aufgeregt nach Hause und berichtete laut seiner Schwester Folgendes: „Im Schaukasten der NSDAP war bekannt gemacht worden, unser Hauswirt Fabrikant Cordt sei ein ganz übler Judenfreund. Er habe auf offener Postkarte geschrieben, er habe mit seinen jüdischen Geschäftsfreunden immer gut und zur vollen Zufriedenheit zusammengearbeitet. „Diese positive Beurteilung passte den damaligen Herren ganz und gar nicht“, sagte Ortrud Ratz.

Schließlich kam der Morgen des 10. November. In der Nacht zuvor wüteten SA- und NSDAP-Mitglieder durch die deutschen Städte. Auch in Lüdenscheid machten die Nazis nicht vor jüdischen Geschäften Halt. „Am 10. November ging meine Mutter mit mir die Wilhelmstraße hinunter. Als wir an der Erlöserkirche vorbei waren, sah ich das zerschlagene Schaufenster eines Textilgeschäftes. Die Straße war mit Glasscherben übersät“, erzählte Ortrud Ratz.

Als Kind Tragweite der Taten nicht verstanden

Sie verstand als junges Mädchen nicht, was in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 geschehen war und fragte ihre Mutter, was passiert ist. „Aber meine Mutter sagte gar nichts, packte mich nur fester am Arm und zog mich weiter. Nur schnell weg von diesem Ort des Unrechts.“

Leider sei es so, dass die meisten Menschen damals – sicher auch ihre Eltern – aus Angst vor dem verbrecherischen Tun verantwortungsloser „Führer“ geschwiegen haben. „Umso heller leuchtet das Beispiel derer, die mutig das Unrecht beim Namen nannten und sich auf die Seite der Opfer stellten. Oft mussten sie bitter dafür bezahlen.“

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