Was bislang bekannt ist

Recherchen zum Tod des Pflegekinds: Lebenshilfe war noch am Unglückstag bei den Eltern

Das Kleinkind wurde auch im Lüdenscheider Klinikum behandelt. 

Plettenberg/Lüdenscheid - Nur wenige Stunden vor dem gewaltsamen Tod ihres Pflegekindes hatte die Plettenberger Familie Besuch von einem Lebenshilfe-Mitarbeiter. Es ist nicht das einzige denkwürdige Detail, das durch unsere Recherchen bekannt wurde.

Am Mittwoch, 2. Januar, um 17.30 Uhr brachten die Pflegeeltern den kleinen Jungen ins Plettenberger Krankenhaus. Recherchen unserer Zeitung ergaben nun, dass noch am Tag des Unglücks – also am 2. Januar – ein Mitarbeiter der Lebenshilfe bei der Pflegefamilie zu Besuch war. 

„Dabei handelte es sich um einen privaten Besuch“, sagt Lebenshilfe-Sprecher Philipp Peters. Auch zu diesem Zeitpunkt habe es keine Hinweise darauf gegeben, dass etwas nicht in Ordnung ist. 

In intensivem Austausch mit der Familie

Nach Darstellung der Lebenshilfe habe es seit August 2018 einen regen Kontakt zwischen den Mitarbeitern und der Pflegefamilie gegeben. Man habe in einem „intensiven und regelmäßigen Austausch“ gestanden, auch die Pflegeeltern hätten sich immer wieder an die Lebenshilfe gewandt. „Umso schwieriger ist es für unsere Mitarbeiter nun, mit der Situation umzugehen“, berichtet Philipp Peters. 

Eheleute erstmals als Pflegefamilie eingesetzt

Der jetzt tatverdächtige 29-jährige Pflegevater und seine Ehefrau wurden erst seit diesem Jahr als professionelle Pflegefamilie im Rahmen des Modells Westfälische Pflegefamilie eingesetzt. Der getötete Junge war das erste Kind, das der Familie zugewiesen wurde. 

Pflegemutter hat pädagogische Ausbildung

Um die Anforderungen als „besonders geeignete“ Pflegefamilie zu erfüllen, muss ein Elternteil eine pädagogische Ausbildung absolviert haben. Nach Auskunft der Lebenshilfe erfüllt die Mutter dieses Kriterium. Sie ist Mitarbeiterin der Lebenshilfe. 

Letzter Besuch des Jugendamts am 6. Dezember

Das Jugendamt Gelsenkirchen hatte in der sogenannten Anbahnungsphase die Plettenberger Familie 20 Mal besucht, bevor ihr das Kind überlassen wurde. Anschließend wurde die Begleitung der Familie durch die Lebenshilfe Wohnen NRW organisiert. Für die „aktive Unterstützung“ erhält die Lebenshilfe nach Aussage des Gelsenkirchener Stadtsprechers, Martin Schulmann, einen Tagessatz von 90 Euro. 

Dies entbinde das Jugendamt aber nicht von der Verpflichtung, die Familie in regelmäßigen Abständen selbst zu kontrollieren. Den letzten gemeinsamen Termin gab es demnach am 6. Dezember. Wie häufig das Gelsenkirchener Jugendamt zuvor vor Ort war, vermochte der Stadtsprecher nicht zu sagen. 

Pflegevater sitzt in der JVA Hagen ein

Neuigkeiten gibt es auch von der Staatsanwaltschaft Hagen. Wie Staatsanwalt Michael Burggräf auf Anfrage unserer Zeitung betonte, sitzt der Pflegevater derzeit in der JVA Hagen ein. Er befindet sich in Untersuchungshaft. Der Mann ist nicht vorbestraft. 

Haftprüfungsantrag liegt bislang nicht vor

Bislang sei kein Haftprüfungsantrag des Beschuldigten eingegangen, sagte Staatsanwalt Burggräf. Bei einem Haftprüfungsantrag hätte der 29-Jährige – wenn keine Fluchtgefahr besteht – gegebenenfalls bis zu einer möglichen Verhandlung auf freien Fuß gesetzt werden können.

Auf freiem Fuß ist dagegen die Ehefrau und Pflegemutter des verstorbenen Kleinkindes. Sie wurde noch im Essener Klinikum von der herbeigerufenen Polizei vorläufig festgenommen, nach der anschließenden Befragung durch die Polizei aber wieder freigelassen. 

„Der Tatverdacht hat sich nicht erhärtet“, sagt Burggräf. Ob sie mit ihren Aussagen den Ehemann belastete, wollte der Staatsanwalt aus ermittlungstaktischen Gründen nicht mitteilen. 

Pflegevater hat sich eingelassen, aber nicht gestanden

Was den 29-jährigen Plettenberger angeht, liegen zwar Aussagen zu den Vorkommnissen am Nachmittag des 2. Januar vor, „aber der Beschuldigte hat sich bislang nicht geständig eingelassen“, betonte Burggräf. 

Ärzte glaubten nicht an einen Sturz

Nach Informationen unserer Zeitung hatte der Tatverdächtige im Plettenberger Krankenhaus von einem „Sturz“ des Kleinkindes gesprochen – eine Behauptung, die alle beteiligten Ärzte bei der Behandlung des Kindes stark anzweifelten. In Essen wurde schließlich die Polizei verständigt. 

Eltern wurden in der Klinik festgenommen

Die Pflegeeltern waren nach dem Verlegungsflug des Kleinkindes von Lüdenscheid nach Essen mit dem Privatauto nach Essen gefahren. Dort wurden sie gegen 2 Uhr in der Früh festgenommen. Das Kleinkind starb wenige Stunden später. 

"Massive Verletzung im Kopfbereich"

„Massive Verletzung im Kopfbereich“, waren nach Mitteilung von Staatsanwalt Burggräf die Todesursache. Zum möglichen Strafmaß bei einer Verurteilung des Angeklagten hielt sich Burggräf zurück und antwortete stattdessen allgemein: „Das Strafmaß für eine Körperverletzung mit Todesfolge liegt in Deutschland bei einer Freiheitsstrafe zwischen drei und 15 Jahren.“

Lebenshilfe will Abläufe optimieren

Warum? Nach dem gewaltsamen Tod des 19 Monate alten Plettenberger Pflegekinds stellen sich nicht nur die Ermittler diese Frage.  Ratlos sind auch die Mitarbeiter der Lebenshilfe Wohnen NRW gGmbH, die die Pflegefamilie begleitet haben. Der freie Träger der Jugendhilfe nimmt den tragischen Tod zum Anlass, Abläufe in der Auswahl und Begleitung der Pflegefamilien zu optimieren, wie Lebenshilfe-Sprecher Philipp Peters sagte. Auch das Jugendamt Gelsenkirchen will das Vorgehen kritisch hinterfragen. 

Die bisherigen Berichte zu dem Fall: 

Erstmeldung: Pflege-Kind (1) stirbt durch Gewalteinwirkung

Erklärung des Plettenberger Bürgermeisters 

Stellungnahme des Plettenberger Jugendamtes

So äußern sich Jugendamt und freier Träger

Gedenkandacht für verstorbenes Kleinkind aus Plettenberg

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