Seit 2006 sind die Spiele verboten

Razzia in Gaststätten wegen Fun Games - Steckt eine Mafia dahinter?

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So sehen sie aus: Fotos von verbotenen Unterhaltungsspielgeräten, die Jürgen Trümper bei Kontrollaktionen gemacht hat.

Lüdenscheid – Seit 2006 sind sie verboten, jetzt feiern sogenannte „Fun-Games“ in Gaststätten ein unerwartetes Comeback.

Bei einer Razzia in der Lüdenscheider Innenstadt am 11. September stellten Ordnungsamt, Polizei, Finanzamt und Vertreter des Innenministeriums in neun der kontrollierten 14 Gaststätten illegalen Geräte fest. Ein Überblick. 

Warum fand die Kontrolle in Lüdenscheid statt? 

In Lüdenscheid erhielten die Behörden einen Hinweis auf Verstöße. Stichprobenartig wurden Gaststätten in der Innenstadt überprüft. Einige Kneipen waren zum Zeitpunkt der Kontrolle geschlossen. Sie sollen zu einem späteren Zeitpunkt aufgesucht werden. 

Was fanden die Behörden bei der Razzia? 

Insgesamt wurden elf illegal genutzte Geräte in Lüdenscheid entdeckt. In zwei Gaststätten wurden jeweils zwei „Fun-Games“-Automaten gefunden, in sieben Gaststätten je einer. Die Betreiber erwartet für die Ordnungswidrigkeit ein Bußgeld. Die Höhe wird noch festgelegt. Strafverfahren wurden bisher nicht eingeleitet. Die Geräte müssen nun durch die Betreiber entsorgt werden. 

Wie unterscheiden sich „Fun Games“ von anderen Geldspielautomaten? 

Bei den staatlich zugelassenen Spielgeräten wird um Geld gespielt. Bei sogenannten „Unterhaltungsspielgeräte“ wird nach Geldeinwurf virtuell um Punkte gespielt, die aber Bargeld wert sind. Die Geldgewinne werden zumeist durch die Gaststättenbetreiber aus schwarzen Kassen „an der Theke“ ausgezahlt. Daher war auch das Finanzamt in die Kontrolle involviert. 

Warum sind die Unterhaltungsspielgeräte verboten? 

Bis 2005 war das Aufstellen von Unterhaltungsspielgeräten ohne Geldgewinn erlaubt. In der Praxis stellte sich heraus, dass verbotenerweise Spielfeatures ohne Kontrolle der Zulassungsbehörde verwendet wurden, die einen Geldgewinn versprachen. 

Für die Behörden war es schwierig, nachzuweisen, dass überhaupt Auszahlungen getätigt wurden. 2006 wurden die Geräte, von denen es bundesweit schätzungsweise 80.000 bis 120.000 gab, schließlich verboten. Seit Ende 2018 tauchen die illegalen Geräte plötzlich wieder auf. 

Wieso erleben diese Geräte nun ein Comeback? 

Jürgen Trümper ist Vorsitzender des Arbeitskreis gegen Spielsucht. Er glaubt, dass es mit der Änderung der Spielverordnung zu tun hat, die deutlich strengere Vorgaben macht. So soll der Verlust auf 60 Euro pro Stunde begrenzt werden. 

Die Automatiktaste wurde abgeschafft, eine „Spielerkarte“ eingeführt. Dadurch soll das gleichzeitige Spielen an mehreren Geräten verhindert werden. Ab dem 10. November 2019 dürfen zudem pro Gaststätte nur noch zwei statt bislang drei Geräte aufgestellt werden. „Ich vermute, dass diese Einnahmeverluste durch Fun-Games kompensiert werden sollen“, sagt Spielsucht-Experte Trümper. 

Woher kommen die neuen „Fun-Games“-Geräte? 

Wer sie baut, aufstellt und liefert, ist nicht ganz klar. Bei den beanstandeten Automaten in Lüdenscheid fehlten sowohl das Prüfsiegel als auch die Geeignetheitsbestätigung. 

Auf den Geräten kommt häufig eine osteuropäische Software zum Einsatz. In einigen Ländern dort sind Fun-Games erlaubt, doch die Lizenzen werden in Deutschland illegal verwendet. Die Spieleentwickler haben Strafanzeigen wegen Verletzung des Urheberrechts gestellt. 

Um den Markt so umfassend zu versorgen, benötige man aber schon eine größere Vertriebsstruktur, sagt Jürgen Trümper. Das Wort „Mafia“ nimmt er nicht in den Mund. 

Wodurch kennzeichnen sich die“ Fun-Games“ der jüngeren Generation? 

Auch wenn eigentlich nur um Punkte gespielt wird, werden Spielern Gewinne bis 20.000 Euro in Aussicht gestellt. Die Einsätze pro Spiel liegen teils über zehn Euro. Hinzukommt eine extrem kurze Spieldauer: 

Für Jürgen Trümper ein Indiz dafür, dass die vermeintlichen Unterhaltungsspielgeräte bewusst die Spielverordnung umgehen sollen: „Ich habe in den mehr als 30 Jahren meiner Tätigkeit schon viele kuriose Dinge erlebt. Aber dass ein Spieler einen Euro für zwei bis drei Sekunden Spielspaß und ohne Gewinnerwartung einsetzt, halte ich für utopisch“, sagt der Experte. 

Wie sind die Unterhaltungsspielgeräte zu erkennen? 

Von Weitem sehen die Geräte aus wie ganz normale Geldspielautomaten, doch ihnen fehlt das staatliche Prüfsiegel. Mögliche Bezeichnungen sind „Fun-Games“ oder „Gaminator“. 

Wie verbreitet sind die Geräte? 

Jürgen Trümper wird häufig zu Kontrollen hinzugezogen. Er sagt, dass diese verbotenen Geräte in den vergangenen Monaten bei allen Kontrollen festgestellt wurden. Er geht davon aus, dass es sich um ein bundesweites Phänomen handelt.

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