Die „drückende Schnürbrust“

+
Lutz Reike und seine Assistentin Romina zeigten Mode.

LÜDENSCHEID - Einen interessanten Einblick in die Mode um 1800 gewannen die Besucher eines Vortrags, den Lutz Reike in den Städtischen Museen am Sauerfeld hielt. Der Museumspädagoge vom Stadtmuseum Dresden fungierte dabei selber als Träger dessen, was damals den Herrn von Welt kleidete.

Seine Assistentin Romina trug die elegante und vor allem leichte Kleidung der Damen. Der Ausgangspunkt der Revolution im Reich der Kleider war vor allem eine Befreiung von den Zwängen durch eine Kleidung, die den Körper formen sollte. Lutz Reike berichtete von einem Schulmädchen, das von seinem Korsett unter einer Kleidung derart gepeinigt wurde, dass es „die Tränen verbergend“ zu seiner Lehrerin ging und über die „drückende Schnürbrust“ klagte. Die Antwort war eine glühende Verteidigung solcher Kleidung, die den Körper zur Eleganz und zu einer zierlichen Taille zwingt: „Ein braves Mädchen muss fest geschnürt werden, damit es nicht zu dick wird.“

Die antiken Vorbilder für die revolutionäre Befreiung der Leiber hätten Napoleons Truppen von ihrem Feldzug nach Italien mitgebracht, wusste der Referent. Schick wurde die Dame damals durch griechische Gewänder, die eher wallend als fest geschnürt waren. Dazu kam oft ein modischer Knoten im Haar. Kritik zog jene Kleidung auf sich, die Zeitgenossen als zu durchsichtig empfanden. „Man darf die Sittlichkeit unserer modernen Berlinerinnen keinesfalls nach ihrer Kleidung bewerten“, warnte die „Zeitung für die elegante Welt“ damals vor zu schnellen Urteilen.

Zum Problem wurde die eher luftige, anschmiegsame Kleidung der Südeuropäerinnen vor allem durch das deutsche Klima: Es förderte Erkältungskrankheiten bei jenen Frauen, die streng nach der neuen Mode gingen. Manche Auswüchse sorgten selbst in Frankreich für verständnisloses Kopfschütteln: „Pompöser kann man sich nicht enthüllen“, zitierte Lutz Reike eine Äußerung von Napoleons Außenminister Charles-Maurice de Talleyrand-Périgord, die natürlich auf eine Dame zielte. Schilderungen, wie es sich mit den Kleiderordnungen im Dresden der Napoleon-Zeit verhielt, kamen aus den „Jugenderinnerungen eines alternden Mannes“ von Wilhelm von Kügelgen.

Auch für die Männer brachte die französische Revolution eine Befreiung: „Der Herr konnte sich wesentlich besser in seiner Kleidung bewegen“, stellte Lutz Reike fest. Der Eleganz tat das keinen Abbruch. Neben Frack und Weste präsentierte der Museumspädagoge Zylinder und Chapeau Claque, üppige Halstücher und einen Knotenstock. Dazu hatte der Mann von Welt Rasiermesser und –pinsel, einen Reisepass, eine Schlafmütze sowie eine Uhrkette bei sich.

Beliebt waren dabei jene Modelle, in die Haare eingearbeitet werden konnte. Lutz Reike: „Da hatte man bei jedem Blick auf die Uhrzeit die Haare seiner Geliebten in der Hand und hat – wenn möglich – an sie gedacht.“ - thk

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das Login-Formular anmelden.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare