Stiller Protest am Rosengarten

Wenn sich in Lüdenscheid Querdenker treffen, scheint Berlin weit weg

turck
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Axel Turck (links) mit Querdenker-Initiator Stefan Radtke (rechts): Der 56-jährige Lüdenscheider Turck hatte am Samstag erstmals federführend eine Mahnwache angemeldet – die Resonanz am Rosengarten war für die Querdenker zufriedenstellend.

Auf dem Stehtisch am Lüdenscheider Rosengarten, der von einem Flatterband eingefasst ist, steht ein Kuchen. Auf dem Boden liegen Bücher aus, eines davon heißt „Corona-Fehlalarm?“. Der Protest der Lüdenscheider Querdenker-Riege fällt eher leise aus, ganz anders als in Berlin.

Lüdenscheid – Prof. Dr. Sucharit Bhakdi und seine Ehefrau, Prof. Dr. Karina Reiss, haben das Buch „Corona-Fehlalarm?“ geschrieben. Es ist ein Bestseller, eine Art Standardwerk der Corona-Kritiker. Bhakdi und Reiss sind damit von respektierten Hochschuldozenten zu „umstrittenen Autoren“ geworden, allerdings nicht hier am Rosengarten, denn hier halten in den Mittagsstunden ja gerade die Querdenker ihre Mahnwache.

StadtLüdenscheid
LandkreisMärkischer Kreis
Einwohnerzahl72.313 (Stand: 31.12.2019)

Wenn sich in Lüdenscheid Querdenker treffen: Ruhige Lage, ein Einsatzfahrzeug der Polizei dabei

Demos und Mahnwachen müssen angemeldet werden, diesmal hat diesen Part Axel Turck übernommen. Zum ersten Mal. Turck hat schon im Sommer im Blaumann seine Fragen an Gesundheitsminister Jens Spahn gestellt, als dieser in Lüdenscheid war, und ist später aus Protest mit der Rad nach Berlin gefahren. Nun steht er in blauer Steppjacke und mit einem Schild „Leitung“ auf der Brust auf dem städtischen Platz vor dem Brauhaus. „Die erste Demo, die ich anmelde. Mit 56 Jahren“, sagt der Geschäftsführer der Emil Turck GmbH & CIE. KG, „hat alles gut geklappt. Vier Ordner müssen wir stellen. Und unsere Hygieneregeln einhalten. Wir hatten auch noch keine Probleme mit Passanten oder Störern. Und mit der Polizei und dem Ordnungsamt sowieso nicht.“

Der Blick geht ein paar Meter weiter, dort steht ein Einsatzfahrzeug der Polizei. Die Polizisten sitzen im Auto, es ist zwar sonnig, aber bitterkalt an ersten März-Samstag des Jahres. Im Auto ist es wohl wärmer, und außerdem passiert ohnehin nichts im abgesperrten Bereich – außer, dass die Mahnwachen-Teilnehmer ohne Maske herumstehen und sich unterhalten. Ohne Maske herumsitzen, das trifft man auch ein paar Meter weiter auf dem Sternplatz auf den dortigen Sitzstufen in Teilen an.

„Nächste Woche wird deutschlandweit in 16 Großstädten demonstriert, dann fahren einige von uns nach Düsseldorf“, sagt Axel Turck mit Blick darauf, dass es erst einmal die letzte Mahnwache am Rosengarten sein soll, „danach geht es nach Kassel.“ Und danach warten am Rosengarten wohl wieder Demonstrationen, bei denen mehr Teilnehmer erlaubt sein dürften.

Wenn sich in Lüdenscheid Querdenker treffen: Mahnwachenteilnehmer fallen optisch nicht heraus

Der Kassel-Besuch in zwei Wochen steht wohl im Kontext eines europaweiten Protestes gegen Corona-Beschränkungen. Kassel ist dabei so etwas wie das Berlin des kleinen Mannes. Während an der Spree bei derlei Protesten in der Vergangenheit die Dinge nicht nur einmal aus dem Ruder gelaufen sind, geht es in Kassel wohl beschaulicher zu. „In Berlin, das ist uns zu rechtslastig und zu aufgeladen“, sagt Turck, der 2020 dreimal in Berlin dabei gewesen ist. Das sei nicht seine Welt gewesen.

Der Protest in Lüdenscheid ist ein ruhigerer, die Mahnwachenteilnehmer fallen optisch nicht heraus aus dem üblichen Stadtbild an diesem Markt-Samstag in der Stadt. 25 Teilnehmer sind bei der Mahnwache erlaubt. Seit November trifft man sich am Rosengarten. Teilweise in ganz kleinen Gruppen, diesmal ist die Resonanz relativ groß. Vielleicht, weil der Kuchen lockt. „Letzte Woche habe ich allen ein Eis geholt, da hat sich der Besitzer der Eisdiele auch gefreut“, sagt Axel Turck. Es ist eine kleine, homogene Gruppe von Querdenkern, und wer die Bilder aus Berlin aus dem Fernsehen oder Internet kennt, der könnte leicht auf die Idee kommen, dass es sich hier eher um eine Querdenker-light-Gruppe der Bewegung handeln könnte, eine Interessen-Gemeinschaft der leiseren Töne.

Wenn sich in Lüdenscheid Querdenker treffen: Froh über „jedes bisschen Lockerungen“

Es sind auch nicht die verhärteten Fronten, die man in der Bundeshauptstadt wohl angetroffen hat. Die Lockerungsbeschlüsse nach der Bund-Länder-Konferenz des Mittwochs bewertet Axel Turck nicht euphorisch, aber wohlwollend. „Ich bin da etwas skeptisch. Man ist natürlich über jedes bisschen Lockerungen froh“, sagt er, „aber wir möchten, dass die Gastronomie auch dabei ist. Was gut ist: Lüdenscheid ist sicherlich im Moment Hotspot, und trotzdem wird hier kein Sonderweg gefahren. Die Stadt will auch, dass es weitergeht. Ich habe schon andere Städte in NRW gesehen. In Paderborn gibt es keine Maskenpflicht, da ist die Stadt deutlich voller. Insofern ist Lüdenscheid schon grundsätzlich streng mit den Regeln.“

Turck begrüßt zwei neue Teilnehmer an der Mahnwache. Es ist ein Kommen und Gehen. Man kennt sich. „Meine Söhne“, erzählt Turck, „spielen eigentlich alle Wasserball. Geht nicht. Ein Sohn macht jetzt Sport-Abitur – Basketball.“ Er verdreht die Augen. Kein Training möglich. Auch Turck selbst macht gerne Sport, geht Laufen, zumindest das geht. Ein bisschen Ausgleich. Aber sonst? „Das geht mir alles unheimlich auf den Nerv“, sagt der 56-Jährige. Er wünscht sich ein normales Leben. Ein Leben, in dem man den Kuchen nicht mehr selbst mitbringen muss zum Rosengarten.

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