Punktewolke gibt Zartes frei

+
Vier Experten mit süßem Ziel (v.l.): Olaf Schmidt (wi-swf), Konditor Norman Weßling, Peter Hinze (Faro) und Dominik Malecha (KIMW).

Lüdenscheid - Fast zärtlich, aber berührungslos fährt Peter Hinze der jungen Dame über den sinnlichen Mund und die gerade Nase, arbeitet sich über die Blüte mittig auf dem Stirnband weiter vor zu den Korkenzieherlocken, die das Gesicht seitlich einrahmen. Dem Roboterarm, den er führt, ist es egal, ob er ein Jugendstilantlitz aus Stuck scannt oder ein Werkzeug für die Autoindustrie. Peter Hinze nicht. Der freut sich über die Abwechslung und den „völlig untypischen Einsatzbereich“.

Der Diplom-Ingenieur ist für die Gladbecker Firma Faro tätig, die unter anderem mobile 3-D-Laserscanner entwickelt und vertreibt. Für die Bergstadt-Stiftung Lüdenscheider Schützenhalle hat der Fachmann den „Faro Edge Scan Arm“ auf einem Gerüst am Hallenturm aufgebaut und den Stuck-Kopf von der Fassade per Lichtstrahl „abgenommen“. In weiteren Schritten, bei denen Experten unterschiedlicher Fachbereiche ihr Können in den Dienst der guten Sache stellen, wird aus dieser Vorlage erst eine Miniaturversion und letztlich eine flexible Kunststoffform für Lebensmittelverarbeitung erstellt. Ziel des aufwendigen Prozesses: Konditormeister Norman Weßling möchte den Kopf in Schokolade reproduzieren und damit ein authentisches Lüdenscheider Produkt mit Wiedererkennungswert herstellen, das Eingang in die Kult-Kollektion der Bergstadt-Stiftung finden wird.

Den Kontakt zu den Spezialisten aus Gladbeck knüpfte das Werkzeugbau-Institut (wi-swf). In Zusammenarbeit mit dem Kunststoff-Institut Lüdenscheid (KIMW) fließt so modernes Know-how in die Herstellung der Form ein, die ein zartes Endprodukt hervorbringen soll.

Der Scan-Arm benötigt gutes Wetter. Plan B hätte umfasst, das komplette Gebäude mit anderer Technik aus größerer Entfernung einzuscannen. Doch so war’s perfekt: Der aufprojizierte Laserstreifen konnte eine Fülle von Details aufnehmen. So sei eine „Punktewolke mit zwei Millionen Punkten“ entstanden, sagt Hinze, die nun weiter bearbeitet werde. Das erste Schoko-Original wird danach aus Kunststoff gedruckt, bevor eine Metallform für die Folie entsteht. Typische Anwendungsbereiche für die mobilen Scanner sind komplexe Werkzeugbauteile. Auch fertige Teile, erläutert Hinze, würden zur Qualitätssicherung eingescannt und die Werte dann mit dem Original verglichen.

Dass die junge Fassadendame leicht angestaubt ist, registriert der Scanner auch. Aber bei der mehrstündigen Nacharbeitung am Computer wird der Kopf entstaubt und leicht geglättet. „Wie eine Botox-Behandlung“, schmunzelt Olaf Schmidt. Denn nicht jede Feinheit ist gut für die Schoko-Produktion. Das etwa drei Zentimeter große Endprodukt muss sich bei effizientem Materialeinsatz auch gut aus der Kunststoffform lösen lassen. „Der Dutt stört“, findet Norman Weßling beim ersten Ansehen. Der geht am Original in den Sims über, was aber beim Gießen der Schokolade die Bruchgefahr erhöht. „Der Dutt muss weg“, sind sich die Herren einig. - sum

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das Login-Formular anmelden.
Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare