Amalie-Sieveking-Haus: Visite der besonderen Art

Sabine Große, Martina Achenbach, Kristina Seidler-Rolf und Egbert Cardinal von Widdern (v.l.) kurz vor der Visite.

Lüdenscheid - Der Bewohner ist unruhig, fühlt sich nicht wohl in seiner Haut. Er wirkt hektisch und aufgeregt. Die Pflegerin spricht mit ihm, beruhigt ihn ein wenig und notiert seinen Gemütszustand. Die Notiz fließt als Warnzeichen ein in ihre Dokumentation. Das gesamte Team des Amalie-Sieveking-Hauses ist sensibilisiert für eine solche Situation und weiß die Gemütssituation der ihr anvertrauten Bewohner einzuschätzen.

Dabei hilft eine Ampel, die Auskunft über die Verfassung der Frauen und Männer gibt. „Grün“ bedeutet Wohlbefinden, „Gelb“ gilt als Frühwarnzeichen: Das Verhalten nähert sich der Grenze des Tolerierbaren. „Rot“ signalisiert eine Zuspitzung, die diese Grenze überschreitet.

Herausforderungen

Entwickelt hat das System, das auf die verschiedenen Facetten der Bewohner eingeht, der Neurologe und Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie am Klinikum Lüdenscheid, Egbert Cardinal von Widdern. Mit im Boot ist das gesamte Team mit der Pflegedienstchefin und stellvertretenden Leiterin Sabine Große, den Pflegekräften und der Leiterin des Sozialen Dienstes, Martina Achenbach. „Es ist nicht leicht für die Bewohner, aus ihren verschiedenen und zum Teil schwierigen Lebenssituationen bei sich anzukommen“, sagt von Widdern. Herauszufinden, wo ihre Fähigkeiten und Kompetenzen liegen und wie sie aktiviert werden können, ist die große Herausforderung. Beim Wechsel aus dem gewohnten Umfeld in ein Pflegeheim kann etwas verloren gehen. Dies einzuordnen und darauf zu reagieren, ist nicht leicht und erfordert ein genaues Hinsehen und Eingehen auf das Verhalten der betroffenen Menschen. Von Widdern spricht von einer „hochindividuellen Tüftelarbeit“, einem „Puzzle“, das zusammengefügt werden muss.

Es sind kleine unscheinbare Schritte, bis Ressourcen und Vorlieben der Bewohner, die zum Teil tief in der Biografie eines jeden einzelnen verwurzelt sind, entziffert werden können. „Aber es lohnt sich“, betonen Sabine Große und Martina Achenbach. „Es ist etwas ganz Besonderes im Alltag, wenn es zu Aha-Erlebnissen kommt und wir sehen, dass wir auf besondere Schwierigkeiten erfolgreich eingegangen sind und wir auf Signale der Bewohner richtig reagiert haben. So lernen wir auch von ihnen.“

Es sei zum Beispiel gelungen, dass ein Bewohner, der nicht richtig ankam in seinem neuen Umfeld und immer wieder nach Hause wollte, nun sein Zimmer als seine kleine Heimat akzeptiere und sich dort wohlfühle.

2002 begann im Amalie-Sieveking-Haus, einer Einrichtung des evangelischen Pertheswerkes, die ambulante Krisenintervention, die 2005 in einer besonderen Art der Visite mündete. Einmal im Monat führt Egbert Cardinal von Widdern gemeinsam mit Sabine Große, Martina Achenbach sowie Pflegekräften und Erzieherin Natascha Hass die Visite zur Psychiatrische Institutionsambulanz (PIA) durch. Dabei spielt auch der Einsatz von Düften eine Rolle, für die Aromakologin Kristina Seidler-Rolf zuständig ist. Duftassoziationen sind sowohl für das Mitarbeiter-Team als auch die Bewohner ein Anfangsritual, mit dem die Visite eingeleitet wird.

Das Team hat zur Visite eine Dokumentation vorbereitet, aus der hervorgeht, wie die Befindlichkeiten der Bewohner sind, ob sich Veränderungen gezeigt haben. Motto und Leitsymptome werden überprüft. Zusätzlich wird die Ampeleinschätzung für die Bewohner ermittelt, die besucht werden. In zwei Stunden sind es bis zu 12 Frauen und Männer. Alle Mitarbeiter der Pflege und des Sozialen Dienstes sind verantwortlich für die Vorbereitung der Visite.

Verlässlicher Rahmen

2010 wurde das Prinzip der Psychiatrischen Institutionsambulanz und die ihr zugrunde liegende Leitsymptomorientierung verschriftlicht und dokumentiert. „So haben wir alle einen verlässlichen Rahmen und das ist sehr wichtig. Denn es funktioniert nur, wenn alle sensibilisiert sind, sich gegenseitig aufmerksam machen auf Situationen der Bewohner und ihre Befindlichkeiten“, sagen Martina Achenbach und Sabine Große. „Die Handhabung der Leitsymptomorientierung sorgt dafür, dass sowohl die Ressourcen im Team als auch die der Bewohner besser einzuordnen sind und ausgeschöpft werden“, fügt Egbert Cardinal von Widdern hinzu.

Der Erfolg dieser jahrelangen Zusammenarbeit und Weiterentwicklung habe sich auch beim Umzug von der Sedanstraße zur Annabergstraße gezeigt. Es habe unter den Bewohnern keine gravierenden Krisen gegeben, was sicherlich auch auf das bewährte Projekt und die einfühlsame Anwendung aller daran Beteiligten zurückzuführen sei. 

Von Martin Messy

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