Psychiatrie mit Drehtür-Effekt - Prozess am Schwurgericht

Lüdenscheid - Die Frau sitzt hinter Mauern, von denen ein Psychiater sagt, ein Gefängnis sei „nix“ dagegen. Die Forensik in Lippstadt-Eickelborn ist ein Hochsicherheitstrakt. Aber die Frau hofft. Auf Rückkehr nach Lüdenscheid, in ihre Wohnung. Auf Betreuung, auf einen Job.

Die 42-Jährige bettelt die Richterin geradezu an. „Ich würde alles machen, ich bitte Sie innigst.“ Aber Heike Hartmann-Garschagen bleibt hart. „Es gibt Dinge, die sind nicht verhandelbar.“

Damit folgt das Schwurgericht der Auffassung des Sachverständigen Johannes Völler, der ein psychiatrisches Gutachten erstattet. Völler hält die Lüdenscheiderin für schuldunfähig, attestiert eine Psychose mit manischen und depressiven Phasen – und bescheinigt der Patientin, in akuten Krankheitsphasen weder zu Einsicht noch zu eigener Willensbildung fähig zu sein. Der Gutachter spricht sich für die Unterbringung in einer Klinik aus, aber: zur Bewährung. „Voraussetzung ist eine engmaschige ärztliche Betreuung.“

Nach den Vorstellungen des Gerichts, des Staatsanwaltes und des Sachverständigen soll die 42-Jährige in eine stationäre Betreuung mit Kontrolle rund um die Uhr. Nur so könne gesichert werden, dass sie ihre Medikamente regelmäßig einnimmt. Völler: „Tut sie das nicht, muss eine Rückmeldung an die Strafvollstreckungskammer erfolgen.“ In diesem Fall würde Staatsanwalt Klaus Knierim sofort den Widerruf der Bewährung beantragen.

Was das für sie heißt, scheint die Beschuldigte zu begreifen. Dass darin die Chance steckt, schrittweise ein normales Leben anzusteuern, ist ihr aber offenbar zu wenig. „In eine Wohneinrichtung will ich auf gar keinen Fall.“ Strafverteidiger Ralf Bleicher hat keinen leichten Job. Er kündigt an, seine Mandantin in Eickelborn besuchen und Überzeugungsarbeit leisten zu wollen. Denn die Richter wollen „nichts Böses“, wie die Vorsitzende sagt. „Aber wir müssen auch die öffentliche Sicherheit und Ordnung aufrechterhalten.“ Die Krankheit sei „unberechenbar“. Und: Eine Einigung über eine stationäre Betreuung kommt nur zustande, wenn die Beschuldigte einwilligt.

Die psychiatrische Abteilung des Klinikums wird erneut Thema im Saal des Schwurgerichts. Johannes Völler hat nach eigener Aussage dort mit einem Arzt über die Patientin gesprochen, kurz nach dem Erdrosselungsversuch. „Sie sollte entlassen werden. Einfach so. Das wäre eine Katastrophe geworden!“ In Hellersen, so der Sachverständige, sei der Frau „gar nicht geholfen worden“. Vier oder fünf Tage nach der Entlassung wäre sie wieder da gewesen. „Gut, dass dieser Drehtür-Effekt für sie ein Ende hat.“

Olaf Moos

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