Prozess gibt Blick auf die Welt der Psychiatrie

LÜDENSCHEID - Der zweite Tag des Sicherungsverfahrens gegen eine Lüdenscheiderin öffnete den Blick auf eine Welt, die normalerweise verborgen ist. Eine 42-Jährige soll versucht haben, eine Mitpatientin zu erdrosseln.

Von Olaf Moos

Der Fall

Die 42 Jahre alte Beschuldigte soll Ende April versucht haben, in der Psychiatrie Hellersen eine Mitpatientin mit einem Nylonstrumpf zu erdrosseln. Die seelisch schwer kranke Frau gibt an, sich an die Tat nicht erinnern zu können. Der Staatsanwalt hält die gelernte Anstreicherin für allgemeingefährlich und will sie in einem Sicherungsverfahren auf unbestimmte Zeit in einer psychiatrischen Klinik unterbringen lassen.

Die sogenannte geschützte Abteilung – früher „Geschlossene“ – der Psychiatrie in Hellersen ist ein Ort der Unruhe. Zwölf Planbetten reichen oftmals nicht aus. Überbelegung ist keine Ausnahme. Patienten müssen auf dem Flur nächtigen. Es ist eng. Die Frauen und Männer können sich gegenseitig nicht aus dem Weg gehen. Demente, Desorientierte, Drogenopfer, Alkoholiker oder Selbstmordgefährdete sind zusammen eingesperrt und sorgen für eine fortwährende Geräuschkulisse, für Stress und Belastung – auch für das Pflegepersonal.

So lauten Antworten auf Fragen der Vorsitzenden des Schwurgerichts, Heike Hartmann-Garschagen. In diesem Klima in der Psychiatrie kam es zu dem mutmaßlichen versuchten Totschlag. Im Zeugenstand berichten Krankenschwestern von dem grausigen Morgen. „Wir waren gerade knapp besetzt.“ Gegen 7.30 Uhr erscholl der Hilferuf einer Putzfrau.

Die schildert dem Gericht, wie sie in den Fernsehraum kommt und sieht: Das Opfer sitzt auf der Couch, die Beschuldigte hockt auf ihr, schreit „Stirb!“ und zerrt an den Enden des Nylonstrumpfes, der um den Hals der Mitpatientin geschlungen ist. Wie die Attacke endete, wer eingriff, wer etwas mitbekommen hat und ob wirklich Strangulationsfurchen auf dem Hals des Opfers zu sehen waren, das alles ist nebulös.

Klar ist, dass die 42-Jährige überwältigt und im Bett fixiert, also gefesselt, wird – in einem akut psychotischen Zustand. Ein Polizist berichtet dem Schwurgericht, dass sowohl die Beschuldigte als auch das Opfer nicht vernehmungsfähig waren.

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Und das, obwohl der Beamte erst vier Tage nach dem Vorfall in der Psychiatrie erscheint. Das ist das nächste Rätsel. Strafanzeige hat der verantwortliche Arzt nach Ausage des Polizisten nämlich erst erstattet, nachdem sich das Krankheitsbild des Opfers verschlechtert hatte. Eine Polizistin erinnert sich: „Sie saß auf dem Bett, wippte hin und her und faselte irgendwas Unverständliches.“

Der Stationsleiter kennt die Angeklagte „seit gefühlten 15 Jahren“, wie er sagt. „Sie hat in der Zeit die ganze Palette des Medikamentenschranks durchlaufen.“ Seine Kollegin bezeichnet die 42-Jährige als „niemals krankheitseinsichtig“. Die Patientin habe auch schon die eigene Mutter angegriffen und gewürgt. Das Verfahren wurde damals eingestellt.

Der Prozess wird am 10. Dezember um 9.30 Uhr im Saal 201 des Landgerichts fortgesetzt.

Rubriklistenbild: © picture alliance / dpa

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