Prozess gegen Bauträger: „Wir haben alle Kredite noch offen“

Lüdenscheid - Es entstehen „immer neue Probleme“, sagt die traurige Frau im Zeugenstand. Sie kam Ende der 90er-Jahre mit ihrem Mann aus Sibirien, sie Produktionshelferin, er Schlosser. Drei Mädchen haben sie inzwischen, und jetzt noch ein Haus. Ein bescheidener, aber trügerischer Wohlstand. „Wir hatten noch Kredite laufen, kein Eigenkapital.“ Aber der Finanzberater des Bauträgers habe gesagt: „Wir schaffen das schon.“ Zu 99,9 Prozent gebe es öffentliche Mittel.

Dies ist ein Beispiel dafür, wie es kleinen Häuslebauern erging, die sich mit den Angeklagten eingelassen haben. „Vor der Unterschrift war alles okay“, sagt der Schlosser, ähnlich wie andere Zeugen zuvor. „Jetzt läuft es leider nicht gut“, weint seine Frau. Es gebe Baumängel. Ein Riss in der Außenmauer – und auch innen. Fliesen im Bad seien gesprungen. Das Geld reiche hinten und vorne nicht. „Innen fehlt noch Tapete, die Außenanlage ist auch noch nicht fertig.“ Und für die neue Küche habe man einen weiteren Kredit aufnehmen müssen.

Als das Eigenkapital für die Finanzierung des Häuschens nicht ausreichte, sprang angeblich die Verwandtschaft aus Russland ein. Von den Eltern 8000, von Oma 15.000 Euro, so steht es auf einer Bescheinigung der Zeugin. Doch die sagt: „Das hat der Berater geschrieben. Er kam zu mir nach Hause, ich sollte das abschreiben.“ Und unter Tränen: „Wir haben alle Kredite noch offen.“ Immerhin: Das Betrugsverfahren gegen das Ehepaar ist inzwischen eingestellt.

Auch ihr Mann sagt: „Es wurden uns Unterlagen vorgelegt, wir mussten nur noch unterschreiben.“ Dabei habe man anfangs nicht bauen, sondern ein Haus oder eine Wohnung kaufen wollen – und sich bei der Sparkasse erkundigt. „Aber die haben uns dann zu dieser Firma geschickt.“

Ein Werkzeugmacher (42) und seine Frau wollten das fehlende Eigenkapital mit Eigenleistungen wettmachen. Nach der Unterschrift unter dem Werkvertrag habe der Bauträger ihn angerufen. „Wir brauchen mehr Eigenkapital.“ Und habe Bargeld zum Fingieren der Kontoauszüge angeboten. Er habe sich zunächst gesträubt, berichtet der Werkzeugmacher. „Aber dann haben wir uns dummerweise darauf eingelassen.“

Der Prozess wird am 13. Oktober um 9 Uhr im Saal 101 fortgesetzt.

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