Prozess gegen Baulöwen: „Die sollen ihre Strafe kriegen!“

Lüdenscheid - Das kühle Abarbeiten von Aktenbergen und Sichten von Beweismaterial geht weiter. Doch die Atmosphäre im Saal 101 des Landgerichts ändert sich fühlbar. Bei den beiden Hauptangeklagten und vor allem bei ihren mutmaßlichen Opfern kochen zusehends die Emotionen hoch.

Richter Andreas Behrens hält dem Wirtschaftsberater des Bauträgers einen Mietvertrag vor die Nase. Das Papier soll den Verdacht stützen, die Angeklagten hätten eine Architektin, die als Bauleiterin für sie tätig war, als Strohfrau eingesetzt. Der Vertrag zwischen der Frau und dem Kunden des Bauträgers gaukelte den Behörden demnach sprudelnde Einnahmen vor, damit die kleinen Bauherren über höheres Eigenkapital besser an öffentliche Fördermittel kommen. Der Angeklagte bestreitet, den Vertrag fingiert oder sogar die Unterschrift des Kunden gefälscht zu haben.

Doch der Zeuge, ein 63-jähriger Metallarbeiter, sagt: „Ich habe noch nie einen Mietvertrag abgeschlossen.“ Und seine Unterschrift auf dem Papier? „Das ist nicht meine Schrift.“ Kennt er die Frau? „Nur von der Baustelle.“ Der Richter hakt bei dem Wirtschaftsberater nach. Der breitet die Arme aus und ruft: „Ich gebe doch immer alles zu, was nicht in Ordnung ist.“

Auch beim Thema Werkverträge für den Eigenheimbau gibt’s Unstimmigkeiten, die das Gericht ergründen will. Dass es pro Kunde mehrere Versionen mit differierenden Endbeträgen gibt, steht für das Gericht fest. Aber wer hat an den Zahlen gedreht? Der Wirtschaftsberater: „Ich habe nie Werkverträge gemacht.“ Der Bauträger: „Ich habe keine Zahlen manipuliert.“ Der Richter: „Dann steht hier Aussage gegen Aussage.“

Der Metallarbeiter sagt: „Ich habe normal gelebt, regelmäßig meine Schulden bezahlt, 40 Jahre in derselben Firma gearbeitet. Und dann habe ich ein Haus gebaut und bin daran kauputtgegangen.“ Könne sein, dass er den Vertrag erst nach der Unterschrift richtig gelesen habe.

Die Familie hat ihre alte Eigentumswohnung verkaufen und das neue Häuschen aufgeben müssen. Die Frau des Metallarbeiters ist verzweifelt. „Die haben uns kaputtgemacht, seelisch und auch finanziell.“ Sie habe doch nur ein kleines schönes Haus für ihre Familie haben wollen. „Jetzt haben wir kein Haus, keine Wohnung, kein Auto, nix.“

Die Zeugin weint. „Wir haben gedacht, wir schaffen das. Die haben uns so viel versprochen, aber nichts gemacht.“ Und: „Ich bin gar nicht gut informiert, was die alles mit uns gemacht haben.“ Sie fühle sich „verarscht“, wie ein „Opfer“. Ihre Kinder hätten kein Vertrauen mehr in die Eltern.

Bevor die Frau den Saal verlässt, appelliert sie unter Tränen an die Richter und zeigt auf die Angeklagten. „Die sollen ihre Strafe kriegen, die großen Leute da, nicht nur die Kleinen!“

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