Ab dem Jahr 1700

Protokollbuch der ältesten Nachbarschaft

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Die Seiten des Buches sind eng beschrieben. 

Lüdenscheid - Originale Quellen aus den ersten rund 600 Jahren der Lüdenscheider Stadtgeschichte sind rar – vieles ist den zahlreichen Stadtbränden zum Opfer gefallen. Umso aussagekräftiger ist das Buch, das heute Eingang in das Virtuelle Museum findet. Es handelt sich um das Nachbarschaftsbuch „Soli deo Gloria. Prothocoll und Contract...“ der Nachbarschaft „An und unter der Kirche“, dessen Aufzeichnungen im Jahr 1700 beginnen.

Dieses Protokollbuch enthält auf eng beschriebenen Seiten Daten und Fakten dieser Nachbarschaft, deren Geschichte mindestens bis ins 17. Jahrhundert zurückgehen dürfte. Denn der vorliegende Vertrag behandelt eine neue Ordnung, die sich diese Vereinigung gab. Es handelt sich um die älteste bekannte Nachbarschaft Lüdenscheids.

Bereits Wilhelm Sauerländer beschäftigte sich in seiner „Geschichte der Stadt Lüdenscheid von den Anfängen bis zum Jahre 1813“ damit. Deren 2. Auflage erschien 1989, erweitert und durchgesehen von Günther Deitenbeck. Letzterer wiederum geht in seiner „Geschichte der Stadt Lüdenscheid 1813-1914“ auf die Bedeutung von Nachbarschaften für das Gemeinwesen in der Stadt insgesamt ein. 

Laut Deitenbeck dienten diese Nachbarschaften der gegenseitigen Fürsorge. So übernahmen Nachbarn Nachtwachen bei schweren Erkrankungen, aber vor allem ging es um die selbstverständliche gegenseitige Hilfe bei Bränden, Blitzschlag oder dem Einbringen der Ernte. Außerdem kontrollierte die Nachbarschaft, ob jedes Haus, wie vorgeschrieben, Löscheimer und Feuerleiter vorhielt, und achtete darauf, dass jeder vor und an seinem Besitz für Sauberkeit sorgte.

Hinweis auf vernichtete Unterlagen

Ältere Nachbarschaften vergaben auch die Ämter eines Richters und zweier Schöffen, die bei Streitigkeiten schlichten sollten – so ist es auch in dem Protokoll der Neuordnung der Nachbarschaft „An und unter der Kirche“ dokumentiert. Diese neue schriftliche Beurkundung erfolgte, weil alte Unterlagen „in vorigen Kriegszeiten und letzterem Brande (...) verkommen“ seien, zitiert Sauerländer. Darin ist aber auch von „Nachbarschaften“ die Rede, was den Schluss zulässt, dass es bereits damals mehrere solcher Vereinigungen in Lüdenscheid gegeben haben mag. Da es sich aber um einen Vertrag der „Nachbarn am Kirchhof“ handelt, wird lediglich diese Vereinigung in der historischen Quelle namentlich genannt.

Der jahrhundertealte Einband ist aus schwerem Leder. 

Immerhin handelt es sich um die Nachbarschaft des ältesten Lüdenscheider Stadtteils. Ihr Jahresfest feierte sie am 6. Januar – dazu hatten alle Mitglieder zu erscheinen. Neu Eintretende mussten ein ganzes oder halbes Fass Bier spendieren. In späteren Jahrzehnten wird sie als „Nachbarschaft Steiff“ geführt – zu Ehren ihres langjährigen Vorsitzenden, des Kirchmeisters L. Steiff. Laut Sauerländer gaben sich auch andere Nachbarschaften im Lauf des 18. Jahrhunderts eine neue Ordnung.

Das vorliegende Protokollbuch gibt unter anderem Aufschluss darüber, welche Pflichten in der Nachbarschaft bestanden, so zum Beispiel die Teilnahme an Begräbnissen. Außerdem gab es einen Ordnungsdienst, der auf die Einhaltung von Grenzen und Sauberkeit achtete. Beim detaillierten Quellenstudium ergeben sich zudem viele Hinweise auf das Leben und die Ereignisse in der Stadt, wie auf den Stadtbrand 1723. 

Zahlreiche Neugründungen im 19. Jahrhundert

Deitenbeck betont in seinen Ausführungen zu den Nachbarschaften, dass die Geselligkeit nicht zu kurz kam. Dazu „hatte jeder Teller, Messer und Gabel mitzubringen“. Da die gegenseitige Hilfe in vielen Bereichen ein wesentlicher Bestandteil dieser Verbindungen war, sei es verständlich, dass ihre Zahl sich im 19. Jahrhundert, als im Zuge der Industrialisierung auch die Bevölkerung stark anwuchs, vermehrte – oft parallel zur Entstehung neuer Stadtviertel. Gerade für die zahlreichen Zuwanderer seien sie eine erste Hilfe zur Eingewöhnung gewesen. Zwischen 1846 und 1906 seien demnach 15 neue Nachbarschaften entstanden, zwölf davon nach 1880. Deitenbeck spricht von einem „sozialen Netz“, das Not linderte und „ein Gefühl der Geborgenheit“ vermittelte. 

Um die Quelle studieren zu können, muss man die Sütterlin-Handschrift entziffern.

Auffällig ist in dem Protokollbuch die Formulierung „Soli Deo gloria“ („Gott allein sei Ehr“). In der frühen Neuzeit wurde diese Wendung vielfach verwendet, bei Schriften oder auch musikalischen Kompositionen. Sie verweist auf eine der fünf Solas, die Martin Luther zu den Grundsätzen der Reformation gemacht hat. Dass auch dieses Protokollbuch diese Formulierung verwendet, ist ein Beleg dafür, wie sehr Glaube und Zusammenhalt in der kirchlichen Gemeinde das tägliche Leben der Menschen prägten – für viele heute nicht mehr nachvollziehbar.

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