Kein Geld für Beratungsstelle

Nur 22 Prostitutierte melden sich an: Schwarzarbeit im Rotlichtmilieu im MK?

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22 Prostituierte sind im Märkischen Kreis gemeldet. Die Dunkelziffer dürfte ähnlich hoch sein.

Lüdenscheid -  9472 Prostituierte waren im vergangenen Jahr in Nordrhein-Westfalen gemeldet und 22 davon im Märkischen Kreis. Das geht aus einer Statistik von Information und Technik Nordrhein-Westfalen hervor. Doch die Dunkelziffer ist vermutlich hoch.

Im Nachbarkreis Olpe sind es 17, im Hochsauerlandkreis 96, in Hagen 29 und in Dortmund 552. In Köln sind mit 1651 die meisten Prostituierten angemeldet.

Für einen Landkreis dieser Größe sei die Zahl an Prostituierten im Märkischen Kreis realistisch, erklärt Sabine Reeh von der Beratungsstelle Tamar, deren Träger die Evangelische Frauenhilfe ist. Je größer die Stadt, desto mehr Prostitutionsstätten gebe es. Allerdings sei das nicht die tatsächliche Zahl, da es nicht wenige Prostituierte gebe, die nicht angemeldet seien. Die Beratungsstelle, bei der sich die Frauen freiwillig und anonym melden können, verzeichnet für dasselbe Jahr 46 Erstkontakte mit Damen, die in entsprechenden Clubs angetroffen wurden. Mit der Einführung des Prostitutionsschutzgesetzes 2017 habe die Beratungsstelle allerdings auch weniger Zugang zu den Frauen, die sich nicht angemeldet haben. Diese Zahl wird auf 30 Prozent geschätzt. Zudem hätten viele Prostitutionsbetriebe im ländlichen Bereich durch das Gesetz schließen müssen, da das Gesetz neue Arbeitsbedingungen geschaffen habe. „Viele mögen keinen Alkoholausschank oder wollen auch nicht mit den Männern vorher lange sprechen“, sagt Sabine Reeh.

Bislang waren im Kreis ein Wohnwagen, eine Massage-Praxis, zwei Escort-Services sowie 13 Prostitutionsbetriebe angemeldet, wobei der Kreis nicht zwischen gewerblicher Zimmervermietung und echtem Bordell differenziere. Ein Unternehmen wurde inzwischen wegen Insolvenz abgemeldet und die Standorte der beiden Escort-Unternehmen sollen nach Niedersachsen verlagert werden, sofern sie nach Corona noch aktiv sind. „Es bleibt fraglich, wie viele Betriebe es noch geben wird, wenn das Coronaverbot weiter anhält“, sagt Ursula Erkens, Sprecherin des Märkischen Kreises.

Arbeit der Beratungsstelle eingestellt 

Seit April dieses Jahres wurde die Tätigkeit der Beratungsstelle im Märkischen Kreis eingestellt. Gleiches gilt für den Hochsauerlandkreis, die Kreise Olpe und Soest sowie für die Stadt Hamm. Der Grund: Die Kreise wollen die Beratungsstelle nicht mehr finanziell unterstützen, wie es auf der Internetseite der Frauenhilfe Westfalen heißt. Anfragen aus dieser Region muss Tamar nun je nach Anliegen an andere Stellen verweisen wie Frauen-, Schwangerschafts- oder Migrationsberatungsstellen.

Bevor Tamar vor sechs Jahren mit ihrer Arbeit begann, gab es vor Ort keine entsprechende Beratungsstelle. 2611 Frauen habe das Team von Oktober 2014 bis Dezember 2019 in Südwestfalen angetroffen. Das sei eine geringe Zahl für die Gebietsgröße.

„Wir suchen die Frauen vor Ort auf, stellen unser Angebot vor und wollen sie unterstützten“, sagt Sabine Reeh. Das sei derzeit mehr denn je der Fall. Denn durch das coronabedingte Prostitutionsverbot haben seit März alle diese Frauen kein Einkommen.

Die Beratungsstelle hilft den Frauen bei der Wohnungssuche, einen Arzt zu finden oder Anträge beim Jobcenter zu stellen. Frauen aus anderen Herkunftsländern hätten teilweise Angst vor einer Behörde.

Die Mehrheit der Prostituierten hat keine deutsche Staatsbürgerschaft. Laut Statistik trifft das auf 16 der 22 Frauen im Märkischen Kreis zu. Aus dem Jahresbericht der Beratungsstelle geht zudem hervor, dass 30 Prozent der Frauen aus Rumänien kommen, 26 Prozent aus Bulgarien und lediglich sechs Prozent aus Deutschland.

Altersdurchschnitt und Staatsangehörigkeit

Knapp die Hälfte (48,0 Prozent) der 9472 in NRW angemeldeten Prostituierten waren jünger als 30 Jahre: 585 (6,2 Prozent) waren im Alter von 18 bis 20 Jahren, 3959 (41,8 Prozent) im Alter von 21 bis 29 Jahren. Im Märkischen Kreis waren von 22 gemeldeten Prostituierten drei zwischen 18 und 21 Jahren. Die meisten Frauen – nämlich 14 – waren zwischen 21 und 45 Jahren. Weite fünf Frauen waren 45 Jahre alt oder älter. 2202 (23,3 Prozent) der in Nordrhein-Westfalen gemeldeten Prostituierten hatten die deutsche Staatsangehörigkeit. Von den 7270 ausländischen Prostituierten hatten die meisten eine rumänische (48,0 Prozent) oder eine bulgarische Staatsangehörigkeit (16,5 Prozent). Ende 2019 wurden in NRW 348 Prostitutionsgewerbe mit gültiger Erlaubnis nach dem geltenden Gesetz (ProstSchG) betrieben. In 300 Fällen handelte es sich um Prostitutionsstätten (z. B. Bordelle). Auf Prostitutionsvermittlungen entfielen 18 und auf Prostitutionsfahrzeuge 30 Erlaubnisse.

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