3,4 Promille: Ein Fall für den Gutachter

Lüdenscheid - Rechtsanwalt Horst Terjung aus Köln schreibt im Internet über sich, er habe „überdurchschnittliche Kenntnisse“ im Strafrecht und sei deshalb Fachanwalt. Sein Mandant (29), Glatzenträger ohne Job und Ausbildung, dafür mit Knasterfahrung, müsste sich also gut aufgehoben fühlen neben dem Verteidiger. Doch die Hoffnung trügt. Beinahe geht der Schuss, den der Jurist abfeuert, nach hinten los.

Denn Terjung will es kurz machen – und stellt gleich nach Verlesung der Anklage wortreich einen Antrag auf Einstellung des Verfahrens. Die Frage, um welche Uhrzeit genau der Lüdenscheider sich der Bedrohung, der vorsätzlichen Körperverletzung und der Sachbeschädigung schuldig gemacht hat, steht dabei im Mittelpunkt des Antrages. Außerdem: Wie betrunken war er denn zur Tatzeit?

Klar ist erstmal: Nach Gefängnis und Psychiatrie soll der 29-Jährige vor einem Jahr Geld von einem jungen Mann gefordert haben, sonst gäb’s „was auf die Fresse“. Es hagelt mehrere Faustschläge, das Opfer zieht sich in eine Bäckerei zurück, der Verfolger schnappt sich dort einen Stuhl und bewirft den Mann damit. Dabei geht Inventar der Bäckerei zu Bruch. Ein paar Stunden später ergibt eine Blutprobe bei der Polizei einen Wert von 2,7 Promille. Auf die Tatzeit zurückgerechnet hat das aber wohl niemand.

Da hat es, räumt auch der Staatsanwalt ein, zu Beginn des Strafverfahrens ein paar Lässigkeiten gegeben. Horst Terjung hebt das Kinn und spricht von einem „Verfahrenshindernis“. Denn sein Mandant habe im Polizeigewahrsam zunächst einem Atemalkoholtest zugestimmt, obwohl er „nicht verstandsreif“ gewesen sei. Die tatsächliche Blutalkohol-Konzentration lag laut Verteidiger zur Tatzeit bei 3,4 Promille. Die Frage nach der Schuldunfähigkeit stelle sich.

Aber auch die Frage nach der Unterbringung in einer Entziehungsanstalt. Der Staatsanwalt regt eine psychiatrische Begutachtung an. Richter Jürgen Leichter – „Das ist aber wirklich eine Menge Alkohol!“ – zieht eine Verurteilung wegen Vollrausches in Betracht. „Dann wäre eine Bewährung allerdings problematisch.“ Und eine Unterbringung in einem psychiatrischen Krankenhaus sei ebenfalls nicht ausgeschlossen. Terjung senkt das Kinn wieder. „Um Gottes Willen!“ Und zieht den Antrag eilig zurück.

Neuer Termin von Amts wegen.

Von Olaf Moos

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