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Projekt für Südwestfalen: Notarzt am Telefon

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Von: Thomas Machatzke

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Einsatz für den Telenotarzt
In Aachen wird’s schon vorgemacht: Der Telenotarzt sitzt an seinem Schreibtisch, erhält in Echtzeit alle Vitaldaten und kann die RTW-Besatzung vor Ort qualifiziert beraten. Auch in Südwestfalen soll es bald einen Telenotarzt für den Rettungsdienst geben. © Henning Kaiser

In Aachen und in Ostwestfalen gibt‘s ihn schon, in Südwestfalen soll er bald kommen: Der „Telenotarzt“ soll die Notärzte vor Ort im Rettungsdienst entlasten und für eine noch schnellere qualifizierte Versorgung des Patienten sorgen.

Lüdenscheid – Noch ist es nicht so weit, doch die Planungen laufen auf Hochtouren: Die Region Südwestfalen bekommt einen „Telenotarzt“. Das Land NRW, die Verbände der Krankenkassen, die kommunalen Spitzenverbände und die Ärztekammern haben sich für eine landesweite Einführung eines Telenotarztsystems im öffentlichen Rettungsdienst ausgesprochen. Der Märkische Kreis will nun mit den Kreisen Siegen-Wittgenstein, Soest, Hochsauerland und Olpe kooperieren, um gemeinsam einen „Telenotarzt Südwestfalen“ zu installieren. So steht es in der neuen Rettungsdienstbedarfsplanung des Märkischen Kreises.

„Das Projekt findet im Rahmen der Digitalisierung statt“, erklärt Uwe Krischer, Leiter des Regiebetriebs Rettungsdienst, Brand- und Bevölkerungsschutz beim Märkischen Kreis, „es soll eine Entlastung bringen für die Notärzte, die vor Ort unterwegs sind im ländlichen Raum.“

In der Notdienstpraxis ist es zumeist so, dass der lokal stationierte RTW (Rettungstransportwagen) zuerst vor Ort beim Notfallpatienten ist. Im RTW sitzen Rettungssanitäter und Rettungsassistenten, die umgehend die Vitalparameter beim Patienten (Blutzucker, Blutdruck, EKG, Sauerstoffsättigung) ermitteln.

Projekt für Südwestfalen: Notarzt am Telefon

Und an genau diesem Punkt soll der neue Telenotarzt ins Spiel kommen. Zum einen soll er der RTW-Besatzung bei besonders kniffligen Fällen fernmündlich Hilfestellungen geben können bis der mobile Notarzt, wie man ihn bisher kennt, vor Ort eintrifft. Zum anderen aber gibt es eben auch die Fälle, in denen ein Notarzt gar nicht mehr zwingend vor Ort nötig ist. In diesen Fällen kann der Telenotarzt die Maßnahmen und Medikation telefonisch anraten. Über sichere Leitungen können nicht nur Vitaldaten in Echtzeit übertragen, per Smartphone Fotografien geschickt werden, etwa von Medikamenten oder dem Bericht aus einem Pflegeheim. Der Arzt hat auch die Möglichkeit, per Video auf den Patienten im Rettungswagen zu schauen.

Kann der Notfalleinsatz auf dem fernmündlichen Weg gut und ausreichend betreut werden, so würde dies die Arbeit der Notärzte einfacher machen, sie sollen dann nicht mehr zwingend so viele Einsätze wie bisher fahren müssen. „Es ist eine Ergänzung zu unserem bisherigen System“, sagt Uwe Krischer, „und dies soll dann an sieben Tagen pro Woche 24 Stunden lang laufen. Das muss natürlich auch bezahlt werden. Nicht jeder Kreis kann sich dies alleine leisten. Deshalb wollen wir in der Trägergemeinschaft mit den benachbarten Kreisen in Südwestfalen kooperieren.“

Das Projekt steckt derweil noch in den Kinderschuhen. Die fünf politischen Kreise haben ihre Absicht erklärt, zusammenarbeiten zu wollen, doch die Entscheidung, ob dies auch so gewünscht wird, liegt nun bei der Lenkungsgruppe im Düsseldorfer Landtag. „Ich schätze, dass wir wohl erst im Jahr 2025 damit rechnen können, dass das System vorhanden sein und funktionieren wird. Es gibt ja viele Dinge, die noch zu klären sind: Verträge, technische Details, die Frage, ob es einen festen Standort geben wird für den Telenotarzt.“

Das muss natürlich auch bezahlt werden. Nicht jeder Kreis kann sich dies alleine leisten. Deshalb wollen wir in der Träger-Gemeinschaft mit den benachbarten Kreisen in Südwestfalen kooperieren.

Uwe Krischer (Leiter des Regiebetriebs Rettungsdienst, Brand- und Bevölkerungsschutz beim Kreis)

Sieben Tagen lang 24 Stunden einen Arzt vorzuhalten – das seien rechnerisch fünf Ärztestellen, so Krischer, „die stehen ja auch nicht auf Knopfdruck zur Verfügung.“ Ob die Kreise am Ende diese fünf Ärzte dann selbst einstellen oder ob die Arbeit fremdvergeben wird an ein oder sogar mehrere Krankenhäuser? Alles ist denkbar. In ersten Pilotprojekten in Aachen und Ostwestfalen sind schon verschiedene Modelle erprobt worden.

Mit dem Modellprojekt in Aachen hat sich die Ärztezeitung beschäftigt. „Die direkte Verfügbarkeit notärztlicher Kompetenz ist ein Qualitätsvorteil“, zitiert die Zeitung Dr. Stefan Beckers, Ärztlicher Leiter des Rettungsdienstes der Stadt Aachen, von seinem Vortrag beim Medica Econ Forum der Techniker Krankenkasse in Düsseldorf. Vor allem die Echtzeitübertragung der Vitaldaten sei ein großer Vorteil. Häufig seien bei Einsätzen auch Schlaganfälle ohne Bewusstlosigkeit und akute Schmerzzustände. Gerade beim Schlaganfall biete die frühe strukturierte Anamnese durch den Telenotarzt große Vorteile. Auf den Zeitfaktor kommt’s an.

In Aachen übernimmt 25 Prozent der Notarzteinsätze der Telenotarzt

Die Erfahrungen aus dem Aachener Projekt: Sieben Prozent der Patienten bleiben nach der Begutachtung vor Ort und werden an den Hausarzt überwiesen. Dr. Beckers: „Vieles kann man heute telemedizinisch besser und ressourcenschonender regeln.“ Inzwischen würden 25 Prozent der Notarzteinsätze und 36 Prozent der Sekundärverlegungen vom Telenotarzt übernommen.

Im Märkischen Kreis und in Südwestfalen, wo die Wege noch deutlich weiter sind zum Patienten als in Aachen, wird man noch warten müssen, ehe das neue System greift. Aber auf dem Weg ist es, immerhin. Ein System, mit dem sich nicht nur die Zahl der Notarzteinsätze reduzieren, sondern auch gleichzeitig die Versorgung verbessern lässt. Wenn man so will, ein Win-Win-System für die komplette Region und ihre Menschen.

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