Stopp der Impfpriorisierung

Probleme in Arztpraxen: Vaccine für Erstimpfung sind Mangelware

Ärztin impft Patienten
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Vaccine für die Erstimpfung sind in den Praxen der niedergelassenen Ärzte – im Bild Internistin und Hausärztin Dr. Irina Streuer – derzeit Mangelware.

Die für Montag angekündigte Aufhebung der Impfpriorisierung hat den niedergelassenen Ärzten und ihren Teams in Lüdenscheid einen wahren Ansturm von Anfragen beschert. Teilweise brachen die Telefonleitungen zusammen.

Lüdenscheid - Doch die meisten der Patienten, die durchkamen, erhielten in puncto Erstimpfung Absagen. Denn die Anzahl der gelieferten Impfdosen reicht bei weitem nicht aus.

Der Lüdenscheider Allgemein- und Sportmediziner Dr. Hartmut Gehlhar bezeichnet das „Vorpreschen der Politik“ als „nicht förderlich für Ärzte und Patienten“. Die derzeitigen Lieferengpässe erzeugten Unmut.

Dr. Gehlhar versucht nach eigenen Worten, „immer die maximal verfügbare Menge zu bestellen“. Doch statt georderten neun Einheiten von Biontech-Pfizer mit jeweils sechs bis sieben Dosen habe er aktuell drei zu erwarten. Gehlhar: „Gesundheitsminister Spahn müsste in unserer Praxis mal Mäuschen spielen.“

Zweitimpfung: „Das einzige, auf das man sich derzeit verlassen kann“

Die Vorgaben der Kassenärztlichen Vereinigung, welcher Arzt wie viel Impfstoff bestellen darf, ändern sich wöchentlich – sagt der Vorsitzende des Ärztenetzes MK Süd, Dr. Dirk Meinke. Die Lieferungen seien „extrem beschränkt“ worden. „Biontech wird für Erstimpfungen derzeit kaum an uns geliefert.“ Die Versorgung mit Dosen für Zweitimpfungen klappt nach Angaben Gehlhars und Meinkes jedoch nach wie vor. Hartmut Gehlhar: „Das ist aber auch das einzige, auf das man sich derzeit verlassen kann.“

Der Leiter der Lüdenscheider Bezirksstelle der Kassenärztlichen Vereinigung Westfalen-Lippe (KVWL), Dr. Martin Junker aus Attendorn, hält die Impfstoff-Versorgungslage angesichts des Stopps der Priorisierung für „hochproblematisch“. Die niedergelassenen Ärzte und deren Patienten müssten nun die Suppe auslöffeln, die „Ankündigungsminister Spahn und Laumann“ gekocht hätten. Dr. Junker: „Die versprechen viel und halten nix.“

Die Arzthelferinnen kriegten schon Alpträume angesichts der Flut von Patientenanfragen und teils aggressiver Reaktionen auf Absagen. „Der Organisationsaufwand neben dem üblichen Tagesgeschäft hat sich in den Praxen enorm erhöht.“

Auch der KVWL-Sprecher, selbst niedergelassener Arzt, hat die Erfahrung gemacht, dass „mit den bestellten Dosierungen nicht gerechnet werden kann“. Dasselbe treffe auf Betriebsärzte zu – Junker betreut unter anderem die Sportklinik Hellersen. „Es kann passieren, dass 800 Dosen bestellt sind und nur 100 geliefert werden.“

„Nun geht es darum, vor allem die 35- bis 60-Jährigen zu impfen“

Das verschärft nach Einschätzung Junkers die Situation für bestimmte Berufsgruppen zusätzlich. „Hätte man Pflegekräfte und andere Multiplikatoren, zu denen gehören auch die Kassiererinnen in den Supermärkten, rechtzeitig geimpft, dann hätten wir keine dritte Welle erleben müssen.“ Nun gehe es darum, vor allem die 35- bis 60-Jährigen zu impfen. „Die sind gefährdeter als Kinder.“ Insofern sei es „unsinnig“, jetzt Kinder zu priorisieren.

Volker Schmidt, Fachbereichsleiter Gesundheit, Soziales und Verbraucherschutz beim Märkischen Kreis, weist darauf hin, dass der Stopp von Erstimpfungen ausschließlich für die beiden Impfzentren des Kreises in Iserlohn und Lüdenscheid gilt. Bereits vereinbarte Termine für Erstimpfungen in den Zentren finden aber, so betont er, auf jeden Fall statt.

Bei den Hausärzten seien Erstimpfungen dagegen weiter möglich, allerdings bekämen diese derzeit statt der angekündigten fünf Millionen nur drei Millionen Impfdosen bundesweit pro Woche.

Schmidt erläuterte, die Impfzentren erhielten den Impfstoff vom Land NRW, während die niedergelassenen Ärzte – und nun auch die Betriebsärzte – direkt vom Bund über den Großhandel und Apotheken versorgt werden.

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