Probleme, die für drei Leben reichen

LÜDENSCHEID - Der Mann hat mal in Immerath gewohnt, Braunkohle-Revier, entvölkert für Garzweiler II. „Immerath ist weggebaggert“, sagt der Angeklagte. Der Ort steht als Symbol für sein Leben: verlassen, öde, zerstört. Dem zweiten Prozesstag widmet Richter Till Deipenwisch einen tiefen Blick in die Vergangenheit des heroinsüchtigen Krebspatienten – mit all ihren Brüchen, Kurven und Stürzen. Probleme, die für drei Leben reichen.

Der Fall

Der 40-jährige Angeklagte hat zugegeben, am 17. August zusammen mit einem Komplizen 2700 Euro aus der Kollekte des Wiedenhofs an der Bahnhofstraße gestohlen zu haben. Als zwei Mitarbeiter die Täter überraschten, wurden sie durch Stiche mit einer Nadel leicht verletzt. Die Beute setzten die Räuber in Heroin um. Der Angeklagte hat den Namen seines Mittäters preisgegeben. Wegen seiner Sucht steht die Frage nach der Schuldfähigkeit im Raum.

Der 40-Jährige berichtet äußerlich gelassen und in knappen Worten über seine Biographie. Kindergarten, Schule, Realschulabschluss, klingt nach Durchschnitt. Dann die Scheidung der Eltern, drei Geschwister ziehen zum Vater, er muss bei Mama bleiben. Und weil die häufig wechselnde Männerbekanntschaften pflegt und viel umzieht, geht nötiger Halt verloren.

Die Lehre als Rangierleiter bei der Bahn ist gerade beendet, da passiert die zweite Katastrophe. Die erste ist gerade ein Jahr her. Sein bester Freund wird mit 51 Messerstichen ermordet, „eine Familiensache“. Die zweite: „Es war bei einer Karnevalsfeier“, erinnert er sich. Er ist 19 und wird Zeuge, wie jemand seine Freundin vergewaltigt, schnappt sich ein Messer und sticht zu – vier Jahre wegen versuchten Totschlags bringt ihm das ein. Und es kommt noch schlimmer. „Ich wollte unbedingt da raus“, sagt der dürre Mann im Gerichtssaal. „Meine Mutter kam nicht mehr zu Besuch, ich wusste gar nicht, was los ist.“ Im Knast zettelt er eine Gefangenenmeuterei an, nimmt einen Wärter als Geisel und nimmt ihm die Schlüssel ab. Damit verlängert er die Haftzeit von vier auf acht Jahre. Er lernt das Bäckerhandwerk.

Vorzeitig auf Bewährung entlassen, scheitert er zunächst fast zwangsläufig an der neuen Freiheit. Doch er findet Arbeit in einem Lager und eine feste Freundin. Ein Sohn kommt zur Welt.

Und als der sechs Wochen alt ist, scheitert die Beziehung und er ist mit dem Baby allein. Aus ist’s mit dem geregelten Leben. Er müsste eine Reststrafe antreten, weil er gegen Bewährungsauflagen verstoßen hat. Stattdessen ist er auf der Flucht, zehn lange Monate, „als alleinerziehender Vater“, wie er sagt. Dann findet er seine Ex wieder, sie nimmt das Kind zurück.

Die kriminelle Karriere nimmt Fahrt auf, als er einen 14-Jährigen Jungen, Bruder einer Bekannten, bei sich aufnimmt. „Da ist alles aus dem Ruder gelaufen, der Junge hat Autos geklaut und Einbrüche begangen.“ Anfangs deckt er seinen Schützling, dann steigt er ins „Geschäft“ ein. Wird erwischt.

Sitzt von 2003 bis 2007 wieder in Haft. Kommt raus, lernt eine Frau kennen, trennt sich von ihr, rutscht in die Drogenszene ab. Wird Beschaffungskrimineller. Fährt 2009 wieder ein. Und landet 2012 in Lüdenscheid, in der Drogentherapie des Wiedenhof, bricht sie ab, landet auf der Straße. Endstation betreutes Wohnen im Amalie-Sieveking-Haus, „immer auf der Suche nach Stoff“, sagt er.

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Fortsetzung am Freitag um 9 Uhr.

von Olaf Moos

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