Der Preis der Todesangst

Dem Tod am Tunnel knapp entkommen: Am 24. Juli 2010 mussten zwei Lüdenscheider Jugendliche (roter Kreis) während der Massenpanik auf der Loveparade um ihr Leben kämpfen. Jetzt sollen offenbar Entschädigungen gezahlt werden.

LÜDENSCHEID - Es waren die furchtbarsten Minuten ihres Lebens. Die beiden jungen Lüdenscheider, die vor knapp einem Jahr in Duisburg am Tunnel zum Gelände der Loveparade um ihr Leben kämpfen mussten (wir berichteten), sollen jetzt offenbar entschädigt werden. Es geht um Schmerzensgeld für erlittene Quetschungen, Prellungen, Bisswunden und das Trauma der Todesangst, das bei den beiden Cousins psychologisch behandelt werden musste.

Massenpanik am Tunnel

Das Unglück bei der Loveparade in Duisburg ereignete sich am Samstag, 24. Juli 2010. Im Zugangsbereich zu der Open-Air-Techno-Party kam es in einer gestauten Menschenmenge im und am Tunnel über der Karl-Lehr-Straße gegen 17 Uhr zur Panik: 21 junge Menschen wurden erdrückt, mehr als 500 verletzt. Die Staatsanwaltschaft Duisburg leitete ein Ermittlungsverfahren ein, das bis heute läuft. Die Katastrophe führte dazu, dass heute landesweit für alle Freiluftveranstaltungen mit mehr als 5000 Besuchern ausführliche Sicherheitskonzepte vorzulegen sind.

Ihr Lüdenscheider Anwalt Peter Seyfried erhielt am 3. Juni Post von der Axa-Versicherung, die demnach den Veranstalter Lopavent und die Stadt Duisburg vertritt. Die Axa bittet den Anwalt um Schweigepflichtsentbindung für die behandelnden Ärzte und eine Vollmacht zum Geldempfang, wie Seyfried auf LN-Anfrage bestätigte. Axa stelle ausdrücklich fest, dass eine Regulierung kein Anerkenntnis der trotz intensiver Ermittlungen noch ungeklärten Verantwortung bedeute. „Offenbar will man die Regulierung jetzt voranbringen, um sich später mit Verantwortlichen zwecks Zahlungsausgleichs auseinanderzusetzen“, vermutet Seyfried. Angesichts der vielen Fehler und Versäumnisse, die jüngst in einem Spiegel-Online-Artikel über den Untersuchungsbericht der Staatsanwaltschaft Duisburg veröffentlicht wurden, habe sich offenbar die Auffassung durchgesetzt, dass es auf jeden Fall Schuldige gibt: „Der Bericht stellt Lopavent, der Stadt Duisburg und der Polizei denkbar schlechte Zeugnisse aus.“

Seine Mandanten seien indes wieder im Alltag angekommen. Doch die schrecklichen Ereignisse, die sie hautnah miterleben mussten, ließen sie nicht los. Für die beiden Cousins gehe es jetzt darum, ob und wie hoch ihre Ansprüche abzugelten sind. Um den Grad der Schädigung zu ermitteln, sollen die Lüdenscheider der Axa ärztliche Berichte zukommen lassen – und Beweise dafür, dass sie am Ort des Schreckens waren. „Es gibt Bilder, die das belegen“, sagt Seyfried.

Grauenhafte Szenen spielten sich um sie herum ab

Grauenhafte Szenen spielten sich um sie herum ab, während sie eine Stunde lang eingequetscht waren: Die damals 17- und 18-Jährigen sahen, wie Menschen nach Luft rangen und ohnmächtig wurden. „Wir lagen wie Dominosteine aufeinander“, schilderten sie unmittelbar danach den LN. Dann habe jemand geschrieen, dass eine Frau tot sei. „Da brach Panik aus und ein Kampf um Leben und Tod. Die Leute haben getreten und gebissen. Es war erschreckend, dass jeder nur an sich gedacht hat.“

 Im Februar erhielten beide lange Zeugenfragebögen vom Polizeipräsidium Köln. Darin sollten sie ihre Standorte am Tunnel eintragen, wann und wo Gitter umstürzten, wie viel Polizei vor Ort war, was mit Verletzten geschah. Auch den Ärzten im Klinikum Hellersen, die beide später behandelten, wird laut Seyfried ein umfangreicher Fragebogen zugestellt, sobald sie von ihrer Schweigepflicht entbunden sind.

„Millionen werden es nicht“

Zur Höhe eines möglichen Schmerzensgeldes konnte der Anwalt wenig sagen. Er rechne mit einem Angebot. „Millionen werden es nicht, auch keine Hunderttausende.“ Es gebe Tabellen dafür, etwa vom ADAC, die Verletzungen und immaterielle Schäden aufführen. Auch Todesangst hat darin ihren Preis.

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