Praxisgebühr weg: „Abschaffung greift zu kurz“

LÜDENSCHEID - Nach acht Jahren ist Schluss: Mehrheitlich stimmte der Bundestag für die Abschaffung der Praxisgebühr. Doch auch wenn die niedergelassenen Ärzte die Streichung grundsätzlich begrüßen, so greift sie ihnen zu kurz.

Für Frank Killing, Vorsitzender des Ärztenetzes MK-Süd, steht fest, dass die Praxisgebühr ihr Ziel, nämlich Anzahl und Ziel von Arztkontakten zu steuern, nicht erreicht hat. Vielmehr habe sie die Patienten finanziell und die Praxen mit massivem, nicht honoriertem bürokratischen Aufwand belastet. „Insofern ist die Abschaffung zu begrüßen.“ Mittlerweile sei es aber ein offenes Geheimnis, dass es in vielen Regionen, so auch in Lüdenscheid, einen Mangel an Haus- und Fachärzten gebe und dadurch für Routine-Untersuchungen zum Teil Wartezeiten von vier bis sechs Monaten bestünden. „Andererseits geht jeder Deutsche mittlerweile durchschnittlich 17 Mal im Jahr zum Arzt – 90 Prozent dieser Arztkontakte finden in hausärztlichen Praxen statt“, weiß Killing.

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Für ihn und seine Kollegen ist daher die zielgerichtete Steuerung von Arztkontakten künftig eine zentrale Aufgabe der Gesundheitspolitik. „Ein Ausweg sind die Modelle der hausarztzentrierten Versorgung, bei denen der Hausarzt seine Patienten als Lotse sinnvoll im Gesundheitssystem steuert.“ So könnten Doppeluntersuchungen und Fehlinanspruchnahmen aus Unkenntnis reduziert und damit die Zahl der Arztkontakte ohne Qualitätseinbußen vermindert werden.

Dies sieht Dr. Werner Pötter ähnlich. Dem Mitglied der Vertreterversammlung der Kassenärztlichen Vereinigung sowie der Kammerversammlung der Ärztekammer greift die ersatzlose Streichung zu kurz. Es sei zwar richtig, dass die Gebühr ein Bürokratiemonster war und wenig steuernde Wirkung hatte. „Zu befürchten ist aber auch, dass mit deren Abschaffung Patienten noch ungezielter durch das Gesundheitssystem gehen.“ Zudem könnten durch den Wegfall schon bald Einnahmen der gesetzlichen Krankenversicherung von rund zwei Milliarden Euro für die Versorgung der Patienten fehlen.

„Würde man stattdessen den Beitragssatz wegen hoher Überschüsse im Gesundheitsfonds senken, profitierten alle davon.“ Und: „Eine differenzierte Ausgestaltung der Kassengebühr wäre sinnvoller gewesen, zum Beispiel im Rahmen der hausarztzentrierten Versorgung.“

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