Pralle Bilder des „Milljöhs“

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Heinrich Zille (Walther Plathe , 2.v.l.) und sein Berliner „Milljöh“: Bollenguste (Maria Mallé, l.), Lutschliese (Katherina Lange, r.), Messerkarl (Alexander Rogge) und die Wirtin (Luise Schnittert). ▪

LÜDENSCHEID ▪ Der großartige Walter Plathe als Heinrich Zille und mit ihm ein wunderbar aufspielendes Ensemble sorgten am Sonntagabend für beste Unterhaltung im gut gefüllten, aber leider nicht ausverkauften Kulturhaus.

Zahlreich waren Heinrich Zilles Ehrentitel: „Rinnsteinmaler“, „Abortzeichner“ – vor allem aber und ohne bösartige Abwertung: humorvoller Zeichner aus dem dunklen Berlin, der  das Leben der kleinen Leute mit spitzem Bleistift aufspießte. Eine Institution im Berliner Leben der Kaiserzeit und der Weimarer Republik, der Autor Horst Pillau im Auftrag des Theaters am Kurfürstendamm ein lebendiges Denkmal setzte: In seiner 2009 uraufgeführten Komödie „Zille“ ließ er diesen und sein „Milljöh“ episodisch wiederauferstehen.

„Ich gehöre zu den Göttern, die vergeblich gegen die Dummheit gekämpft haben“, schleuderte Heinrich Zille einem antikisierend malenden Kollegen entgegen, der so einen „Gossenmaler“ nicht in der hehren Akademie der Künste sehen wollte. Walter Plathe schien die Hauptrolle auf den Leib geschrieben: Er berlinerte, was das  Stück hergab, vergaß über seinem Zeichnen nie die brennenden sozialen Fragen und brachte immer mal wieder „die Familienverhältnisse von fremden Leuten“ mit seinem Geld in Ordnung. „Warum ist die Welt nur so ungerecht eingerichtet?“, klagte Zille und versackte Abend für Abend mit Künstlern und kleinen Leuten in der Kneipe: „Wann ich komme, wie ich komme und ob ich überhaupt komme“, wisse seine Frau leider oft nicht, gab er sich verständnis-, aber auch sehr liebevoll. Dennoch galten klare Prioritäten: „Glücklich ist, wer verfrisst, was nicht mehr zu versaufen ist“, kalauerte Zille und pichelte fröhlich mit Größen wie Claire Waldoff (Luise Schnittert) und René Kollo (Peter Buchheim), der sich immer wieder ans Klavier setzte. Claire Waldoffs „Wer schmeißt denn da mit Lehm?“, der Schlager „Immer an der Wand lang“ der Comedian Harmonists und andere Kostbarkeiten aus dem alten Berlin lockerten den Bilder-Reigen auf. Da sang und klatschte sogar das Publikum bei der Zugabe.

Mitten in diesem prallen Leben griff Zille immer wieder zum Skizzenblock. Bevorzugtes Objekt neben den Kindern waren die Berliner Bordsteinschwalben, für die Zille stritt und die er besonders gerne zeichnete. Nachdem der lebendige Zille wieder zum Denkmal versteinert war, sagten ihm vor allem Frauen Dank für sein Engagement: „Danke Heinrich für das, was du für uns getan hast.“

Dem Publikum gönnte die Komödie neben all dem tiefe Einblicke in die nackten Tatsachen der künstlerischen Aktzeichnung: Erst verdiente Mathilde, wie der Herr sie geschaffen hatte, ihr Geld als Zilles Modell, dann sorgte Alfred für eine hintersinnige Satire auf Kaiser Wilhelm: „Mir geht die Kunst über alles“, bekannte der nackte Adonis, bevor Zille Alfreds offenkundige Ähnlichkeit mit Kaiser Wilhelm II. entdeckte – frei nach Christian Andersens „Des Kaisers neue Kleider“.

Die Nazis blieben Zille, der 1929 starb, als Machthaber erspart. Malerkollege Max Liebermann fand künstlerisch die richtige Antwort auf Adolf Hitlers Fresse: „Den würde ich höchstens in den Schnee pissen!“ ▪ thk

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