Arbeit im Hospiz: Wenn der Tod den Alltag bestimmt

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Die 23-jährige Sarah-Marie Buhl (rechts) aus Plettenberg hat sich bewusst für ein Praktikum im Hospiz entschieden.

LÜDENSCHEID ▪ Jeden Morgen hat Sarah-Marie Buhl der alten Dame ihren Apfel zubereitet, mit ihr im Strandkorb auf der Terrasse gesessen und geredet: über ihr Leben, ihre Familie, ihre Krankheit – und den Tod. Denn die Frau weiß, dass sie bald sterben wird. Als Sarah am Montagmorgen zur Arbeit kommt, ist das Zimmer leer – die Frau, um die sie sich so gerne gekümmert hat, ist tot.

Alltag im Hospiz: Mehrmals in der Woche fährt der Leichenwagen vor. Die Menschen kommen zum Sterben ins Amalie-Sieveking-Haus an der Sedanstraße. Sie wissen, dass sie nicht mehr lange leben werden. Trauer gehört für die Mitarbeiter zum Alltag, dennoch hat sich die 23-jährige Studentin Sarah-Marie Buhl ganz bewusst für ein Praktikum im Hospiz entschieden. Hilft nun bei der Pflege, beim Essen und schenkt den Gästen – so nennen die Mitarbeiter die Bewohner – Zeit, redet mit ihnen über Gott und die Welt. „Für die Menschen hier sind solche Gespräche kostbar. Angehörige sind oft mit der Situation überfordert. Die Krankheit steht stets im Mittelpunkt, ich rede mit den Gästen, erzähle ihnen von meinem Leben und höre ihnen zu“, erzählt Sarah. Natürlich seien die Gespräche oft sehr intensiv und man nehme aktiv an den letzten Stunden und Tagen eines Menschen teil, dennoch empfindet die junge Frau die Arbeit nicht als belastend.

„Die erste Frage, die immer kommt: ,Ist das nicht schwer – jeden Tag mit dem Tod konfrontiert zu werden?’ Doch ich empfinde es eher als bereichernd. Natürlich macht es mich traurig, wenn ein Gast stirbt – aber hier wird mindestens genauso viel gelacht wie geweint.“

Die Studentin hat sich vor ihrem ersten Arbeitstag genau informiert, sie wusste, worauf sie sich einlässt – Berührungsängste hat sie nicht. „Ich glaube schon, dass die Arbeit mich prägen wird. Man bekommt eine andere Einstellung zum Leben. Nimmt glückliche Momente viel intensiver wahr. Natürlich ist man oft traurig – aber das darf man auch sein, das ist Leben.“

Im Schnitt leben die Gäste 21 Tage im Amalie-Sieveking-Haus. Einige fast ein Jahr lang, andere nur wenige Stunden. „Es ist völlig natürlich, dass man zu dem einen oder anderen Gast eine intensive und emotionale Bindung aufbaut. Doch irgendwann siegt die Krankheit – man sieht es. Doch diese Momente dürfen uns nicht auffressen“, erklärt Einrichtungsleiterin Marion Döbbelin. Es sei wichtig, ein stabiles privates Umfeld zu haben und über die Ereignisse zu reden.

Zudem gebe es natürlich Schicksale, die die Mitarbeiter anders belasten. „Wir behandeln jeden Gast gleich, jeder bekommt die gleiche intensive Pflege, aber natürlich ist es etwas anderes, wenn dort ein todkranker Mensch liegt, der ein ähnliches Leben führt wie ich selbst – mein Alter hat und Kinder, die genauso alt sind, wie meine“, erzählt Döbbelin.

„Für mich ist die Arbeit hier eine tolle Erfahrung, die ich nicht missen möchte – für mich war es die richtige Wahl“, erklärt Sarah. Denn im Hospiz erlebe man die ganze Bandbreit von dem, was Leben bedeute. Nach ihrem Studium (Philologie und Theologie) möchte sie in der Hospizforschung arbeiten. ▪ Lydia Machelett

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