Von der Praktikantin zur kaufmännischen Leiterin

Anneli Regus (3. v. l.) mit dem heutigen Team der Hirsch-Apotheke und Inhaber Wolfgang Scholz.

LÜDENSCHEID ▪ „Verabschiedung möchte ich gar nicht sagen. Wir feiern heute“, schob Wolfgang Scholz, Inhaber der Hirsch-Apotheke, den Anlass des Zusammenseins ein wenig beiseite. Doch eigentlich ist die Lage ernst: Nach 50 Jahren verlässt Anneli Regus jene Apotheke, in der sie im April 1961 als Praktikantin für kleines Geld ihren Berufsweg begonnen hatte.

16 Mark gab es damals pro Monat. Für einige Jahre widmete sie sich zwischenzeitlich ihrer Tochter. Doch letztlich summierten sich ihre Jahre im Berufsleben als Apothekenhelferin, -assistentin und schließlich Chefeinkäuferin auf knapp 40. „Mein Leben, auch ein Teil meines privaten Lebens, war die Hirsch-Apotheke“, sagt die 63-Jährige. Gestern Abend verabschiedete sich Anneli Regus also doch von „ihrer“ Apotheke, und viele kamen: Die Belegschaft, Kunden, Nachbarn, Ärzte und sogar Bürgermeister Dieter Dzewas, der ausgelassen mit der werdenden Rentnerin scherzte. Und für sie war es wohl noch kein Abschied für immer, denn eine befristete Rückkehr – etwa als Vertretung – könne sie sich durchaus vorstellen, sagte Annelie Regus im Gespräch mit den LN.

Im Rückblick erzählt Anneli Regus von einer sehr anderen Zeit in den Apotheken der sechziger Jahre. In Lüdenscheid waren das damals gerade mal sechs; heute zählt der Notdienst-Plan mit den Halveraner Apotheken 22. In der Hirsch-Apotheke gab es damals sechs ausgebildete Apotheker, also Hochschul-Absolventen des Studiengangs Pharmazie. Insgesamt hatte die Apotheke damals einen Personalstamm von 34 Personen. Heute, sagt Anneli Regus, sei in jeder Apotheke nur noch jeweils ein Apotheker präsent – neben den PKAs und PTAs, pharmazeutisch kaufmännischen und technischen Angestellten. Als Annelie Regus in den Beruf einstieg, lautete dessen Bezeichnung noch „Apothekenhelferin“. Viel gehörte zur Ausbildung: Chemie, Biologie, Gesetzeskunde, Drogenkunde, Nomenklatur (Bezeichnungskunde), Mineralien-, Pflanzen-, Tier- und Warenkunde – oder kurz: „Was macht man wie mit welchem Wirkstoff in welcher Zusammensetzung?“ Fast 1000 Seminare und Fortbildungen zählte Anneli Regus über die Jahre, mit denen sie der stürmischen Entwicklung auf dem Arzneimittelmarkt Paroli bot. Schließlich folgten eine Fortbildung zur Chef-Einkäuferin und die Übernahme der kaufmännischen Leitung der Hirsch-Apotheke.

Unvergleichlich viel mehr als heute wurde in den 60er Jahren noch in den Apotheken selbst hergestellt. Das hatte vor allem zwei Gründe: Erstens waren noch längst nicht so viele Fertigmedikamente auf dem Markt, und zweitens „hatte jeder Arzt seine eigenen Ideen, wie er seine Patienten am besten behandeln könne“.

Ein kleines Büchlein dokumentiert die damalige Praxis. „Deutsche Rezeptformeln“ enthält Mischungsvorschriften für bestimmte Medikamente – von den „Antihae-morrhoidalia“ über „Antarthritica“, „Nervina, Sedativa und Hypnotica“ bis zu den „Urodesinficentia“. 500 bis 700 Kunden seien damals täglich in die Apotheke gekommen – für etwa die Hälfte von ihnen hätten der hauseigene Herstellungsbetrieb und die Apothekenmitarbeiterinnen eigene Tabletten, Tinkturen oder Salben hergestellt, erzählt Anneli Regus. Heute würden täglich nur noch etwa drei Rezepturen vor Ort hergestellt. Und: „Es wurde sehr viel mehr Heiltee getrunken.“ Wobei sie keinen Gegensatz zwischen moderner Medikation und traditioneller Heilkunde sieht und „sowohl die Tablette als auch den Tee“ empfiehlt.

Sie habe sich „der Apotheke verschrieben“, doch einen Versuch, dem Gravitationsfeld der Hirsch-Apotheke zu entkommen, unternahm Anneli Regus dennoch: Mit der Absicht, „doch nochmal was Anderes zu machen“, richtete sie in den 90er-Jahren die neugegründete Apotheke im Stern-Center ein. Der Grund für die Rückkehr nach nur zwei Jahren ist kurz und bündig: „Ich habe meinem Chef gefehlt“ – damals war das noch Walter Scholz.

Und wie geht das Leben mit viel mehr Freizeit nun weiter? „Reisen war immer schon unser großes Hobby“, erzählt sie und fügt an: „In einer Woche geht es nach Zentralasien, nach Usbekistan, zur alten Seidenstraße. Lange Indien- und China-Reisen hat sie mit ihrem Mann schon unternommen, nach Nordafrika und „Europa sowieso“. Auch für daheim gibt es schon Pläne: „Ich werde mich wieder mehr der Musik, der Malerei und dem Sport widmen.“ ▪ thk

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