Praktikanten: Nachteile durch Mindestlohn befürchtet

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Ralf Schwarzkopf sieht keine Änderungen für seine Firma.

Lüdenscheid - Die Debatte um den Mindestlohn spaltet grundsätzlich die Gemüter. Aber der Gesetzenwurf liegt vor – und er enthält einen Paragrafen, der auch für Praktikanten ab 18 Jahren, die mehr als sechs Wochen in einem Unternehmen tätig sind, einen Mindestlohn von 8,50 Euro vorsieht. Ausgenommen werden sollen Pflichtpraktika.

Das könnte bedeuten, dass künftig auch in Lüdenscheider Unternehmen deutlich weniger Praktikanten eine Chance bekommen als bisher. Dass das kein gutes Signal für junge Leute ist und Chancen für den Arbeitsmarkt reduzieren könnte, darin sind sich alle einig, die unsere Zeitung für eine nicht-repräsentative Umfrage befragt hat.

Weniger Stellen für Praktikanten befürchtet

Ralf Schwarzkopf, Geschäftsführer von Hotset, erklärt, dass sich für sein Unternehmen kaum etwas ändern werde. Dort werden in der Regel keine Praktikanten länger als sechs Wochen beschäftigt. Schwarzkopf geht aber davon aus, dass es viele Firmen gibt, die darauf verzichten werden, längere Praktika anzubieten. Grundsätzlich begrüßt er die Tatsache, dass „dem Wildwuchs“ bei Praktika entgegengewirkt werden soll, der dazu führe, dass junge Leute nach Abschluss von Ausbildung oder Studium monatelang unentgeltlich Praktika absolvieren. Aber die aktuell eingeschlagene Richtung sieht er skeptisch.

Auch die Firma Metoba beschränkt sich in der Regel auf die kurzen Praktika, meist für Schüler, zur Berufsfindung. Das sei ein Erfolgsmodell, um Auszubildende zu gewinnen, gerade im Hinblick auf den Fachkräftemangel. Daran werde sich nichts ändern, betont Geschäftsführer Dr. Sven Hering.

Dr. Frank Hoffmeister, Geschäftsführender Gesellschafter bei Schrauben Betzer, sieht die Gefahr, dass durch einen Mindestlohn viele Praktikantenstellen, auch in seinem Unternehmen, wegfallen. Das sei ein freiwilliges Angebot, das die Firmen über ihren eigenen Bedarf hinaus machten. Ob es mit einem Mindestlohn noch möglich sein wird, Studenten für deren Bachelor-Arbeiten zu beschäftigen oder Langzeit-praktika in Zusammenarbeit mit der Arbeitsagentur anbieten zu können, hält Hoffmeister für fraglich.

Junge Leute „individuell fördern“

Auch bei der Stadtverwaltung müsse man abwarten, wie sich das System entwickelt, erklärte Pressesprecher Wolfgang Löhn. Dort werden Praktikanten in den unterschiedlichsten Bereichen eingesetzt, zum großen Teil im Rahmen der Berufsausbildung – und das kann dann auch schon mal ein ganzes Jahr sein, beispielsweise bei Erziehern.

Matthias Czech von der Werbeagentur „David & Goliath“ hält es für wichtig, Praktikanten zu fördern, aber ein Mindestlohn sei dafür kaum der richtige Weg. Er sagt, dass Praktikanten, die in seiner Agentur etwas lernen wollen, bislang individuell unterstützt würden, beispielsweise mit der Hilfe bei der Suche nach einer Unterkunft.

Auch bei Verbänden und anderen Institutionen wird der Mindestlohn kritisch erwartet. Werner Lemmert, Schulleiter am Berufskolleg für Technik, kann noch nicht einschätzen, ob und wie sich die Änderungen für seine Schüler auswirken. Er nennt unter anderem die jungen Leute in den Berufsvorbereitungsklassen, die einzelne Tage pro Woche über einen längeren Zeitraum in Unternehmen verbringen.

Claus Hegewaldt, Leiter der Lüdenscheider Geschäftsstelle der SIHK, betont, dass bei den Regelungen zum Mindestlohn nicht nur die Dauer, sondern auch der Grund des Praktikums berücksichtigt werden müsse. Es gebe zum Beispiel Studienordnungen, in denen halbjährige Praktika als Teil der Ausbildung vorgesehen seien. Außerdem leisteten junge Leute auch freiwillig längere Praktika als Vorbereitung auf ein Studium ab – da müsse das Gesetz nachgebessert werden.

Aus Sicht der Kreishandwerkerschaft sind weniger bezahlte Praktika als vielmehr die grundsätzliche Altersgrenze von 18 Jahren für den Mindestlohn ein Problem, betont Hauptgeschäftsführer Dirk H. Jedan. Das berge die Gefahr, dass viele junge Leute einen ungelernten Job mit Mindestlohn einer zukunftsorientierten Ausbildung, bei der es zunächst viel weniger zu verdienen gibt, vorziehen.

„Berufseinstieg nicht erschweren“

Christian Lepping, Geschäftsführer des Arbeitgeberverbandes der Metall- und Elektro-Industrie in Lüdenscheid, warnt davor, dass Praktikantenstellen verloren gehen, wenn der Mindestlohn gezahlt werden muss: „Wir müssen aufpassen, dass man jungen Menschen nicht den Weg verbaut, sich für die Berufsfindung zu orientieren.“ Das seien nicht nur Schüler im Drei-Wochen-Praktikum, sondern auch junge Leute, die vor dem Studium Berufsfelder intensiver kennenlernen möchten. Auch die Kooperation zwischen Unternehmen und Bildungseinrichtungen, die eine große Stärke der Region sei, dürfe nicht darunter leiden. Lepping betont, dass es nicht darum gehe, „bedenkliches Entgelt zu schützen“, aber er stellt die Frage, ob flächendeckende Regelungen, die jungen Leuten den Berufseinstieg erschweren, der richtige Weg seien. -  Von Bettina Görlitzer

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