Popograbscher muss bezahlen

Lüdenscheid - Strafverteidiger Heiko Kölz sagt: „Nicht alles, was nach Sauerei riecht, ist strafbar.“ Der Staatsanwalt sagt: „Das gehört sich einfach nicht, das war tätliche Beleidigung.“ Und Richter Andreas Lyra urteilt: „Das war nicht nur eine Schweinerei, das war strafrechtlich relevant.“ Der Angeklagte muss 1250 Euro Geldstrafe bezahlen.

Und zwar deshalb: In der Nacht des 22. Juli 2012 griff der offenbar angetrunkene Kellner einer Innenstadt-Disco einer tanzenden Blondine von hinten unter dem kurzen Rock zwischen die Beine. „Ich war geschockt und habe mich rumgedreht“, berichtet die Filialvertreterin (28). „Und er stand nur da und grinste mich an.“ Und als sie ihn zur Rede stellte, habe er gesagt. „Komm’, wir gehen raus, dann zeig’ ich es dir!“ Hätte er sich bei ihr entschuldigt, fügt die Zeugin hinzu, „hätte ich ihn vielleicht nicht angezeigt“.

Am 18. Dezember soll dem Mann der Prozess gemacht werden. Aber er macht „Blau“ anstatt sich seiner Verantwortung zu stellen. Strafrichter Lyra schickt ihm darauf einen Strafbefehl über 1125 Euro. Dagegen legt der Beschuldigte Widerspruch ein – und sorgt so für einen zweiten Prozesstermin. Doch auch jetzt glänzt er, unentschuldigt, durch Abwesenheit. Andreas Lyra: „Jetzt bin ich wirklich irritiert.“ Und entscheidet: „Wir verhandeln ohne den Angeklagten.“

Die Aussage des wasserstoffblonden Opfers im engen Strickkleid und die Bestätigung der Freundin, die den Angriff des Popograbschers beobachtet hat – „Er hat sie vorher schon so notgeil angestarrt“ – diese Indizien reichen dem Staatsanwalt aus, um den ursprünglichen Strafantrag aufrechtzuerhalten. Rechtsanwalt Kölz kämpft einen einsamen Kampf für seinen Mandanten.

In seinem Plädoyer spricht er über „Reize“, von denen der Kellner sich habe „hinreißen“ lassen. Und für eine Beleidigung fehle es an der „herabsetzenden Bewertung“. In einer Passage des Plädoyers sieht Heiko Kölz „eventuell“ sogar eine Art „Wertschätzung“ für die Frau, die sich hüftkreisend im engen Minirock auf der Tanzfläche bewegte. „Deshalb beantrage ich, ohne das Verhalten zu billigen, einen Freispruch.“

Doch der Anklagevertreter sieht in dem Griff unter den Rock das Signal: „Du bist eine Schlampe und hast das zu tolerieren.“ Auch Strafrichter Andreas Lyra sieht den Tatbestand der Beleidigung erfüllt und bewertet den Fehlgriff als „Degradierung der Frau zum reinen Sex-Objekt“.

Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig. Der Weg der Revision ist offen.

Olaf Moos

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