Verschärfte Gewaltbereitschaft

Polizist aus MK über Corona: „Belastung für das Familienleben“ 

polizei ordnungsamt
+
„Stellt das Ordnungsamt Verstöße fest, muss oft noch ein Streifenwagen dazu kommen, um die Situation zu beherrschen“, sagt Michael Kaufhold.

Die Polizei im Märkischen Kreis beobachtete zuletzt, dass die allgemein zunehmende Respektlosigkeit und Gewaltbereitschaft gegenüber den Einsatzkräften durch die Pandemie-Lage noch einmal verschärft werde, wie es ein Polizeisprecher ausdrückte. Michael Kaufhold teilt diesen Eindruck. Der Kreisvorsitzende der Gewerkschaft der Polizei (GdP) stellt sich den Fragen von Jan Schmitz.

Die Zahl der Straftaten ging aufgrund der Corona-Maßnahmen zuletzt stark zurück. Hatte die Polizei wegen der Corona-Pandemie deshalb weniger zu tun?
Das sonst übliche Tagesgeschäft inklusive der Verkehrsunfälle war spürbar rückgängig. Internetbasierte Straftaten haben aber merklich zugenommen. Hinweise aus der Bevölkerung auf Verstöße gegen pandemiebegründete Verordnungen und Verfügungen halten die Kolleginnen und Kollegen von Anfang an in Atem. Da die Verstöße meist aus größeren Gruppen begangen werden, binden diese Einsätze oft gleich mehrere Streifenwagen. Statt weniger Streifenwagen sind nun mehr Streifenwagenbesatzungen unterwegs, um allein durch die Präsenz der Polizei eine entsprechende Wirkung zu erzielen.
Die Polizei muss die Coronamaßnahmen kontrollieren, die andere beschließen. Hatten Sie jederzeit den Überblick, welche Regel aktuell gilt? Hätten Sie sich mehr Klarheit gewünscht? Wie wurden die Polizisten über die aktuellen Regeln informiert?
Zu Beginn einer jeden Schicht wird durch die Dienstgruppenleitung eine Übersicht über die aktuelle Lage und die Verordnungen gegeben – aber auch nur, wenn die Einsatzlage dies zulässt und wenn die Dienstgruppenleitung diese schon vorliegen hat. Da ist manchmal nicht der Fall. Daran müssen wir unbedingt arbeiten. Die einzelnen Kolleginnen und Kollegen lesen sich dann weiter zwischen den Einsätzen ein. Ist beides nicht möglich, müssen sie im Zweifel bei der Wache nachfragen in der Hoffnung, dass man dort zwischenzeitlich dazu gekommen ist.
KreisMärkischer Kreis
VerwaltungssitzLüdenscheid
Einwohnerzahl410.222 (Stand: 31.12.2019)
Kennen Sie Beispiele, wo es in der Praxis zu Schwierigkeiten bei der Sanktionierung von Coronaschutzmaßnahmen kam? Was macht die Verfolgung von Corona-Sündern teilweise so schwierig?
Erblickt eine Personengruppe einen Streifenwagen in der Entfernung, zerstreut sie sich sofort. Unsere Klientel bleibt nicht einfach stehen, „nur“ weil sie von der Polizei dazu aufgefordert wird. Gelingt es doch, mehrere Personen festzustellen, muss für jede eine einzelne Anzeige gefertigt werden mit entsprechenden Querverweisen zu den übrigen Anzeigen. Ein unverhältnismäßiger Aufwand an Bürokratie. Die Überprüfung sonstiger in Anspruch genommener Ausnahmen ist vor Ort nur schwer möglich. Zumindest erfordert die Überprüfung aber einen erheblichen Aufwand. Da braucht es viel Fingerspitzengefühl und den „richtigen Riecher“.
Sind die Corona-Sünder immer einsichtig? Zu welchen Situationen kam es da?
Die, die auffallen, sind nur in Ausnahmefällen einsichtig. Ermüdende Diskussionen sind das Ergebnis. Stellt das Ordnungsamt Verstöße fest, muss oft noch ein Streifenwagen dazu kommen, um die Situation zu beherrschen.

 Ermüdende Diskussionen sind das Ergebnis. Stellt das Ordnungsamt Verstöße fest, muss oft noch ein Streifenwagen dazu kommen, um die Situation zu beherrschen.

Michael Kaufhold, GDP-Kreisvorsitzender
Die Polizei-Pressestelle berichtete, dass die Grundstimmung gegen Polizei und Ordnungsbehörden zunehmend aggressiver wird. Welche Beobachtungen hat die GdP gemacht?
Das deckt sich mit unserer Wahrnehmung. Es ist mehr Druck auf dem Kessel. Manchmal ist das schon eher Mitleid mit unserer Situation; oft werden wir aber auch direkt für die Verordnungen und Verfügungen verantwortlich gehalten.
Michael Kaufhold: Vorsitzender der Gewerkschaft der Polizei (GdP)
Wie können Polizisten besser geschützt werden?
Durch unsere verbesserte Ausstattung ist schon viel gewonnen. Mehr Personal und ein Distanzelektroimpulsgerät (DEIG) – bekannt als Taser – würden den Eindruck verstärken: Leg dich nicht mit der Polizei an, den „Kampf“ gewinnst du nicht. Weiter hapert es an der konsequenten Sanktionierung derer, die meine Kolleginnen und Kollegen angreifen. Natürlich sind das nicht alles Schwerverbrecher, aber ich finde unser Rechtssystem muss da eine klare Kante zeigen, indem mindestens Geldstrafen verhängt werden. Wir sind überzeugter Teil des Rechtsstaates. Daneben besteht er aus gewählten Politikerinnen und Politikern und Richterinnen und Richtern. Leider haben wir uns daran gewöhnt, dass es im Hinblick auf die strafrechtliche Sanktionierung einen erheblichen Unterschied macht, welcher Teil des Rechtsstaates körperlich angegangen wird. Erklären kann man das meinen Kolleginnen und Kollegen nicht.
Wie haben die Polizisten im Märkischen Kreis die Corona-Pandemie erlebt? Wo gab es Probleme?
Wie bereits geschildert, wird zurzeit mehr Personal im Streifendienst eingesetzt. Zeitgleich mussten alte Schichtdienstmodelle aufgegeben werden, die Personal effektiver einsetzbar machten, um eine möglichst strikte Trennung in verschiedene Gruppen zu ermöglichen. Im Infektionsfall musste dann nur eine von drei Gruppen in Quarantäne. Das führte dazu, dass der soziale Austausch der Kolleginnen und Kollegen mit den beiden anderen Gruppen quasi unterbunden wurde. Ein unflexibles Schichtdienstmodell mit wenig bis zu wenig Personal führt zwangsläufig dazu, dass die Flexibilität in die Freizeit und Familie verlagert werden muss. Das ist schon eine deutliche Belastung für das Familienleben. Denkt man dann noch an eine Kinderbetreuung zuhause, bringt das weitere Probleme mit sich, die sich im 24/7-Dienst potenzieren. Bei mehreren kleinen Kindern zuhause ist wegen der Geräuschkulisse nach einem Nachtdienst der Schlaf nach fünf Stunden erledigt. Gibt es noch einen Hund im Haushalt, sind es auch weniger. Dass Kolleginnen und Kollegen nach der Nachtschicht noch eine Homeschoolingeinheit einschieben mussten, ist glücklicherweise nur selten vorgekommen. Das sind Belastungen, die kann man vorübergehend tragen. Man darf aber auch sicher sein, dass einen das eines Tages gesundheitlich einholt.
Wurden die Polizisten im Dienst ausreichend vor einer Infektion geschützt? Gab es genügend Hilfen und Unterstützung? Sind die Polizisten schon geimpft?
Es hat im Laufe des Jahres immer mal wieder gehakt. Im Großen und Ganzen hat das aber gut geklappt. Wir sind auch dankbar, dass das hier im Märkischen Kreis mit den Impfungen sehr gut lief. Das darf man nicht als selbstverständlich ansehen. Die Sachbearbeiterinnen und Sachbearbeiter laden nur vor, wenn es nötig ist. Bei den Menschen, die unsere Gebäude aber mit Termin betreten, würde ich mir auch eine Testpflicht wünschen.
Was wünschen Sie sich mit Blick auf zukünftige Corona-Regeln?
Privat wie als Polizist wünsche ich mir klare Regelungen, die auch entsprechend zu kontrollieren sind und dass diese Regelungen auch bei Demonstrationen konsequent umgesetzt werden. Dabei muss es aber völlig unerheblich sein, für oder gegen was da gerade demonstriert wird. Eine Bewertung nach Zielen darf von der Polizei nicht erfolgen und von der Politik schon gar nicht eingefordert werden.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren: Auf come-on.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare