1. come-on.de
  2. Lüdenscheid

Polizei-Konzept gegen Randale in der Fußgängerzone

Erstellt:

Von: Olaf Moos

Kommentare

Randalierer in Lüdenscheider Innenstadt
Auf der Videoplattform TikTok rühmen sich Randalierer mit ihren Aktionen und fordern mit dem Hinweis „Checkt ab“ zum Mitmachen auf. © Screenshot: TikTok / Montage: Nougrigat

Das Maß ist voll – nun auch aus Sicht der Polizei. Jugendliche, die in der Fußgängerzone besonders nach der Dämmerung in Gruppen immer wieder Passanten und Geschäftsleute anpöbeln, bedrohen und attackieren, mit Feuerwerkskörpern um sich werfen und auch vor Sachbeschädigung nicht zurückschrecken, sorgen seit Monaten für Verunsicherung.

Lüdenscheid - „Das Sicherheitsgefühl von Fußgängern und Ladenbesitzern ist enorm beeinträchtigt“, sagt Lüdenscheids Polizeichef Volker Mürmann.

Deshalb setzen die Ordnungshüter für die „relevanten Zeiträume“ nicht nur auf massive Präsenz in der Innenstadt. Dafür wird die Zahl der Schwerpunkteinsätze zur Verkehrsüberwachung extra reduziert. Das Einsatzkonzept sieht laut Mürmann auch ein „schnelles und niedrigschwelliges Eingreifen“ sowie verstärkte Personenkontrollen und bei Bedarf den Gewahrsam von jungen Randalierern in der Polizeizelle vor. Der Chef der Wache sagt: „Deeskalation? Nein! Sollten wir provoziert werden, nehmen wir die Provokation an.“

Vor allem im Rosengarten, auf der unteren Jockuschstraße und der Wilhelmstraße kommt es nach Beobachtungen der Polizei seit April 2020, als der erste Corona-Lockdown kam, vermehrt zu Zwischenfällen mit Jugendlichen. Dabei sei ein Muster zu erkennen, heißt es bei der Dienstbesprechung, für die Mürmann jüngere Beamte mit der Entwicklung einer Einsatzkonzeption beauftragt hat.

Handgemenge vor Eiscafé in Lüdenscheid

Kommissar Tim Knutzen sagt: „Es handelt sich oftmals um kleinere Gruppen von vier oder fünf Minderjährigen, durchweg mit südländischem Erscheinungsbild, etwa zwischen 14 und 20 Jahre alt.“ Werde bekannt, dass es „Theater“ gibt, verständigten sich die Gruppen sofort untereinander per Handy und rotteten sich zusammen. Als die Lage am Halloween-Abend vor zwei Wochen eskalierte, schätzten die Einsatzkräfte die Menge der Randalierer auf bis zu 150 Personen. Sie empfingen die Polizisten unter anderem mit Würfen mit rohen Eiern.

Der Betreiber eines Eiscafés beobachtete, wie sein Kellner vor der Tür Schläge einsteckte und schritt ein. „Mir ist der Kragen geplatzt.“ Es kam zum Handgemenge, der Geschäftsmann erstattete Strafanzeige. Der Cafébetreiber will namentlich nicht genannt werden. Auch andere Geschäftsleute, die gegenüber den LN über Vorfälle berichten, befürchten, verstärkt zur Zielscheibe der „Halbstarken“ zu werden, wie einer die Störer nennt.

„Wenn’s dunkel wird, traut sich kaum noch einer, sich im Rosengarten auf eine Bank zu setzen“, sagt ein Gastwirt. Immer wieder beobachte er, wie hart geschossene Fußbälle Passanten nur knapp verfehlen. „Dazu kommt dieser ganze Müll, den die hinterlassen – leere Wodkaflaschen, Essensverpackungen, bergeweise Schalen von Sonnenblumenkernen, alles mögliche.“ Zum Glück arbeite der STL sehr gründlich.

„Ey, Alter, was guckst du?“

Ein Einzelhändler an der unteren Wilhelmstraße berichtet von Wortgefechten, die häufig mit „Ey, Alter, was guckst du?“ begännen – und meint: „Die werden sofort pampig, weil sie sich in der Menge richtig stark fühlen.“ Zum „Dank“ für seine Kritik habe man ihm schon „durch die Tür in den Laden gepinkelt“ oder Ketchup und Mayo ans Schaufenster geschmiert. Sein Nachbar erinnert sich, wie vor wenigen Tagen eine junge Frau angepöbelt und belästigt worden sei. „Die gehen sehr respektlos mit Passanten um.“ Sein Schaufenster sei schon mehrfach „vollgerotzt“ worden. „Es wird immer schlimmer.“

Um wirkungsvoll einschreiten zu können und den Spuk zu beenden, will die Polizei nun täglich in den Stoßzeiten verstärkt das Stadtzentrum überwachen, kündigt Polizeichef Volker Mürmann an. Hinzu gezogen werden demnach Beamte des Bezirksdienstes und Diensthundeführer. Außerdem wollen die Köpfe des Konzeptes – neben Tim Knutzen auch Steffen Kaufung und Tine Wernecke – mit dem städtischen Streetworker kooperieren und dessen Kontakte nutzen.

Auf Hilfe des Ordnungsamtes können die Polizisten so schnell offenbar nicht zählen. Stadt-Pressesprecherin Marit Schulte-Zakotnik sagt dazu: „Personell ist das Ordnungsamt derzeit weiterhin zu einem großen Teil mit Quarantäne- und Corona-Kontrollen beschäftigt. Erst wenn zusätzliches Personal für einen kommunalen Ordnungsdienst eingestellt ist, können weitere Aufgaben übernommen werden.“ In seiner Haushaltsrede sagte Bürgermeister Wagemeyer vor dem Hintergrund der Randale-Lage kürzlich im Rat: „Ich halte diesen kommunalen Ordnungsdienst nicht nur für notwendig, sondern für unabdingbar.“

Volker Mürmann klingt jedenfalls wild entschlossen. „Die Gegenseite wird erkennen, dass sie mit ihren Taschenmesserchen einen Schwertkampf heraufbeschworen hat.“

Auch interessant

Kommentare