Politiker fordern: „Streitet euch mit uns“

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Die SPD-Delegation vor dem Willy-Brandt-Haus in Lüdenscheid. ▪

LÜDENSCHEID ▪ Das Interesse junger Menschen an Politik schwindet weiterhin. Das ist das in der vergangenen Woche präsentierte Ergebnis einer Umfrage, die der Bankenverband in Auftrag gegeben hatte.

Danach interessieren sich im Jahre 2012 nur noch 19 Prozent der Jugendlichen stark für Politik. yourzz.fm nahm das Umfrageergebnis zum Anlass, um beim Abschluss der Südwestfalen-Tour einer hochrangigen SPD-Delegation im Willy-Brandt-Haus vorbeizuschauen – und die Politiker zu jugendrelevanten Themen zu befragen.

Den Begriff „Politikverdrossenheit“ unter Jugendlichen wollte keiner der sieben Landtags- und fünf Bundestagsabgeordneten der SPD, darunter Fraktionschef Norbert Römer und Ex-Vizekanzler Franz Müntefering, gelten lassen. Nach Meinung René Röspels, Mitglied des Bundestages (MdB) Hagen, haben es Jugendliche aber heutzutage deutlich schwieriger, sich politisch zu orientieren. „In den 80ern hieß es Franz Josef Strauß gegen Helmut Schmidt, da gab es die Proteste der Atomkraftgegner gegen die Wiederaufarbeitungsanlage Wackersdorf. Da konnte man sich im Gegensatz zu heute schnell politisch positionieren“, sagte Röspel.

Politische Orientierung fällt heutzutage schwerer

Franz Müntefering dagegen störte sich an dem Begriff an sich, da das Wort Politik an sich nicht die Parteienpolitik bezeichne, sondern „generell alles, was Menschen und damit auch Jugendliche betrifft“. Nichtsdestotrotz gestand auch der Bundestagsabgeordnete ein, dass Jugendlichen die politische Orientierung heute zunehmend schwerer falle. „Es gibt durch das Internet zahllose Kommunikationskanäle, die zu einer wahren Informationsüberflutung führen. Dadurch ist es natürlich schwierig, sich über das komplexe Feld der Politik zu informieren“, sagte Müntefering. Der ehemalige Vizekanzler forderte Jugendliche außerdem dazu auf, sich für ihre Ideale einzusetzen: „Setzt euch nicht in den Sessel und wartet ab, sondern streitet euch mit uns.“

Der Landtagsabgeordnete Gordon Dudas brach darüber hinaus eine Lanze für Jugendliche und ihr Interesse an Politik, das sich nicht zuletzt bei Informations- und Diskussionsveranstaltungen im Vorfeld der NRW-Landtagswahlen gezeigt habe. Politikverdrossenheit lasse sich eher bei Erwachsenen feststellen. Bestes Beispiel sei die Abwahl des einstigen Duisburger Oberbürgermeisters Adolf Sauerland nach der Love-Parade-Katastrophe: Trotz großer Empörung sei die Zahl derjenigen, die sich an der Abwahl beteiligt hätten, äußerst niedrig gewesen.

Gute Perspektiven für Azubis in Südwestfalen

Die Region Südwestfalen bezeichneten die SPD-Politiker übereinstimmend als eine der wichtigsten und einträglichsten Wirtschaftsregionen Nordrhein-Westfalens und Deutschlands. „Wer eine gute Ausbildung vorweisen kann, hat hier beruflich gute Perspektiven“, sagte Willi Brase. Nichtsdestotrotz, so der Bundestagsabgeordnete aus Siegen weiter, sei ihm bewusst, dass viele Jugendliche sich nach ihrer Ausbildung Sorgen um ihre berufliche Zukunft machten. „Ziel muss es sein, junge Menschen nach ihrer Ausbildung in den Betrieben zu übernehmen – und das möglichst unbefristet“, sagte Brase.

Ähnlich äußerte sich Michael Scheffler, der aktuellen und zukünftigen Azubis in Südwestfalen Mut machte. „Der Wettbewerb der Unternehmen um Fachkräfte hat begonnen, und es wird in Zukunft für jeden Betrieb zunehmend wichtiger werden, dauerhaft junge Fachkräfte an sich zu binden“, erklärte der Landtagsabgeordnete.

Bankenrettung aus „solidarischer Mitverantwortung“

Die weltweit von Menschen geäußerte Kritik daran, dass zu wenig Geld in Bildung und den Kampf gegen Armut investiert werde, aber kurzfristig Milliardensummen für die Bankenrettung bereit stünden, versuchten die Politiker unisono zu entkräften. „Es ist wichtig, die Wirtschaft zu unterstützen und Geld zu generieren“, sagte Willi Brase. Da Europa Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg beim Wiederaufbau unterstützt habe und die BRD einer der großen Gewinner des Binnenmarktes sei, seien die Geldspritzen als Akt der Solidarität zu sehen. René Röspel betonte, dass der SPD die Banken im Gegensatz zu den Menschen etwa in Griechenland egal seien. „Aber die solidarische Mitverantwortung geht eben nur über die Banken“, so Röspel. ▪ Sven Prillwitz

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