Nick Pötter gewinnt Poetry Slam "World of Wordcraft"

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Die Akteure des Abends in der Halbzeitpause Backstage: Pizza, Bier, ein paar Gespräche – und weiter geht’s.

Lüdenscheid - Dass das Team an der Kulturhauskasse das Schild „Ausverkauft“ vor die Glasscheibe hängen kann, ist bei einer Abendveranstaltung nicht selbstverständlich. Und dass sich trotzdem vor der Kasse eine Schlange bildet mit jungen Menschen, die darauf hoffen, doch noch ein Ticket zu ergattern, war früher mal so. Um so bemerkenswerter: Das Finale im Poetry Slam „World of Wordcraft“.

Sechs Finalisten kreuz und quer durch Deutschland, gemischtes Publikum von jung bis ins Seniorenalter, eher Statik auf der Bühne, marginale Bühnenausstattung, wenig musikalische Unterhaltung – und die Plätze hinauf bis in die Estrade zum Bersten voll.

"Respect the poets"

„Ihr seid ganz schön viele hier“, sagt Sascha Mühlenbeck (Bremen) leise ins Mikrophon. Ihm gehört an diesem Abend der Auftakt der „World of Wordcraft“, das Finale der besten Poetry Slammer, die das Publikum das Jahr über auf der benachbarten Dahlmann-Bühne bestimmt hat. Auch heute ist das Publikum die Jury. Punktetafeln werden quer durch die Sitzreihen verteilt, das Applaus-Barometer getestet. „Respect the poets“, sagt Moderator Marian Heuser, wie immer mit Sakko, hautenger Hose und dem unvermeidlichen Hut. Er ist quasi der „Erfinder“ der Wordcraft. 2010 hat der gebürtige Lüdenscheider und heute in Münster lebende Slammer und Buchautor die Reihe ins Leben gerufen. Der dümmste Satz, der er je gehört hat: „Dafür gibt es hier kein Publikum“. So steht’s auf der überdimensionalen Leinwand hinter ihm, während er das Publikum mit einem kurzen Epos über seine Zivildienstzeit in Lüdenscheid warm quatscht und anschließend die Benimmregeln erklärt. „Respect the poets“ – klatscht, auch wenn Euch der Vortrag nicht wirklich gefällt, zollt den Slammern Respekt, vor so vielen Menschen aufzutreten, das traut sich nicht jeder.

Die Sechs-Minuten-Bewerbung für das Finale

Sascha Mühlenbeck ist an diesem Abend aus Bremen angereist. Er hat den undankbaren ersten Auftritt und widmet seinen Text seinem kleinen Sohn Leo, sagt er. Das Flirtverhalten heute und früher nimmt er aufs Korn. In sechs Minuten, mehr sind nicht erlaubt. Auch wenn man ihm manchmal nicht ganz abnimmt, dass er die Zeiten, über die er da spricht, überhaupt kennt – das Publikum ist längst schon warm. Die Punktetafeln werden hochgerissen, eine „acht“, eine „neun“, und noch eine „acht“.

Nick kommt aus Berlin, 21 Jahre alt. Auswendig trägt er vor, rattert bemerkenswert viele Worte über die vier Geister in seinem Kopf im Stakkato herunter. Begeisterung, die erste „zehn“ des Abends wird hochgehalten. Schon jetzt ist klar: Der schafft’s auf jeden Fall bis ins Finale.

Poetry Slam Finale "Word of Wordcraft"

Lisa aus Bremen kommt auf die Bühne. Ein zartes „Hi“ ins Mikrophon, dann folgt ihr Text „In fünf Anläufen gescheitert“, ein kaputtes Leben, eine Abtreibung, die seelischen Folgen und immer wieder „Ich möchte kotzen“. Das Publikum applaudiert höflich – „Respect the poets“.

Klaus aus Hannover ist ein Slam-Oldie. Er hat Wortspiele mitgebracht, erzählt sechs Minuten aus dem Leben eines Reims. Maximilian aus Köln kommt sympathisch daher, stellt „Beziehungsstress“ in den Mittelpunkt seines Vortrags, die digitale Welt samt Musik, nicht mehr auf Cassetten, sondern in Clouds, und die Statusmeldung, dass die Angebetete morgens um fünf bei „WhatsApp“ noch wach ist – „Schlampe!“ René kommt aus Witten und liefert den Parforceritt durch eine verfehlte Flüchtlingspolitik. Finanzunternehmer Carsten Maschmeyer, der zu den reichsten Menschen der Republik gehört, kriegt sein Fett weg – und René Sonderapplaus.

Pizza und Bier für die Wortakrobaten

Jan Koch (Berlin)

Am Ende sind sie durch mit dem ersten Teil des Slam-Finales: Pausenbier, ein wenig Ruhe, gefühlte zehntausend Worte sacken lassen. Backstage gibt’s Pizza und Bier für die Wortakrobaten. Völlig normale, mehr oder weniger junge Leute, fast schon zu brav für das, was sie da vorher vor hunderten von Menschen losgelassen haben. Lisa und Klaus lächeln tapfer. Sie wissen bereits, dass sie raus sind. Zu wenig Punkte fürs Halbfinale.

Den zweiten Teil eröffnet Jan Koch, Slammer und Musiker aus Berlin. Er trägt auf der Gitarren quasi musikalisch unterlegte Slam-Texte vor. Es macht Spaß, ihm zuzuhören. Dann kündigt Marian Heuser die vier verbliebenen Finalisten an.

Nick Pötter und die merkwürdigen Dinge

Das Publikum entscheidet mit Punktetafeln und Beifall.

Nick, Maximilian, Sascha und René machen das Rennen um die „Goldene Feder“ unter sich aus. Wieder sechs Minuten pro Kopf, wieder das Buhlen um die Gunst des Publikum. Die Zehner-Tafeln werden hochgerissen, die Entscheidung für „den Besten“ ist schwer. Aber sie muss her. René verpasst schließlich um einen Punkt den Sprung auf Siegertreppchen. Maximilian fährt mit der bronzenen Feder heim nach Köln, Sascha Mühlenbeck nimmt „Silber“ mit. Gold geht an Nick Pötter, „Fährt durch Deutschland und macht merkwürdige Dinge, wenn man ihm ein Mikrofon und ein Publikum vor die Nase setzt“ steht auf der Facebook-Seite des jungen Berliners. Man darf nach einem so wortgewaltigen Abend wie diesem getrost erweitern: „Fährt durch Deutschland und fegt alles weg, was zwischen ihm und dem Sieg steht“.

Ein langer Abend geht zu Ende. Das finale Treffen aller Teilnehmer auf der Bühne, Erleichterung, Freude, Kameradschaft, Applaus füreinander. Lüdenscheid, sagt Marian Heuser, gehört zu den imposantesten Slam-Orten in NRW. Wer beim Finale dabei war, weiß warum.

- Jutta Rudewig

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