Zeitzeuge berichtet: Plötzlich „Judenschwein“

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Intensive Schilderungen und ein eindringlicher Appell: Zeitzeuge Carl Heinz Kipper sprach jetzt in Lüdenscheid.

Lüdenscheid  - Es gibt Leute, die reden nicht nur, sondern haben etwas zu sagen. Carl Heinz Kipper gehört ohne Zweifel zu dieser Sorte Mensch. Der Iserlohner, inzwischen 87 Jahre alt, hat als Sohn einer christlich-jüdischen Familie einst mit Glück den Nazi-Terror überlebt. Todesangst und Demütigungen blieben ihm indes nicht erspart.

Als Zeitzeuge berichtet er regelmäßig über seine Erlebnisse. Jetzt war Kipper im Lüdenscheider Kulturhaus zu Gast.

Eingeladen worden war Kipper dabei vom Gedenkzellenverein und von der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit. Den Initiatoren war damit ein echter Coup gelungen. Denn so klare Worte wie die von Kipper hört man nur selten zu den Alltagsrealitäten während der NS-Herrschaft. Seine Schilderungen gerieten zu einem Fanal gegen Faschismus und Rassenwahn, gegen Mitläufertum und Feigheit.

Rückblende. Anfang der dreißiger Jahr des letzten Jahrhunderts ist Kipper ein ganz normaler Junge, Klassenprimus und beliebt. Dann kommen die Nazis an die Macht. Kipper, Sohn einer Jüdin und eines Katholiken, ist da sieben Jahre alt. Und auf einen Schlag ist alles anders. „Niemand wollte mehr etwas mit mir zu tun haben. Plötzlich war ich das Judenschwein.“ So die Erinnerungen Kippers.

Die Drangsalierung kommt von allen Seiten, von Schülern wie Lehrern: „Ich wurde ständig beschimpft und gedemütigt – nur weil ich Jude war.“ Trotz fehlerfreier Leistungen erhält der „kleine Jude Kipper“ – so bezeichnet er sich selbst – keine guten Noten. Als er von der Volksschule zum Gymnasium wechselt, bekommt er von seinem Lehrer dies zu hören: „Juden haben auf einem deutschen Gymnasium nichts zu suchen.“ Abruptes Ende einer höheren Schullaufbahn – und Beispiel für die ganz normale Brutalität in einer Kleinstadt wie Iserlohn während der NS-Zeit.

Während der Reichspogromnacht 1938 muss Kipper sehen, wie die Iserlohner Synagoge brennt. Statt zu löschen, schaut die Feuerwehr nur zu. Später wird seine Mutter ins KZ Theresienstadt verschleppt. Wie ihr Sohn überlebt sie das Nazi-Regime durch Glück und Zufall.

Gab es keine Lichtblicke in jener dunklen Zeit? Doch, die gab es. Dazu Kipper: „Mein Sportlehrer war ein Judenfreund, er hat mir geholfen – bis er eines Tages für immer verschwand.“ Und anders als die anderen war auch jene Katholikin, die für den „kleine Juden Kipper“ die Ersatzmutter gab, während seine leibliche Mutter im KZ war.

Nachdem Krieg bleibt Kipper in Iserlohn, wird Ingenieur, bringt es zum eigenen Betrieb. Die Jahre des Nazi-Terrors bleiben gleichwohl für immer in seinem Kopf. Sein Appell ans Publikum: „Helft mit, dass so etwas wie damals nie wieder passiert.“ - dt

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