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Phänomenta schlägt Alarm und fordert ein Stadtmarketingkonzept - sofort!

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Von: Jutta Rudewig

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Café der Phänomenta leer
Ein ganz normaler Sonntag im Café der Phänomenta - und gähnende Leere. © Othlinghaus

Torsten Schulze hat Sorgenfalten auf seiner Stirn. 2018 übernahm der Dortmunder die Betriebs- und Geschäftsführung der Phänomenta. Das Ziel: das Wissenschaftsmuseum wieder mehr in den Fokus der Öffentlichkeit zu rücken. Nicht zuletzt die Investitionen in die Phänomenta machten seinerzeit eine neue, offensive Marketingstrategie notwendig.

Lüdenscheid – Der Kaufmann aus der Nachbarstadt beschäftigt sich gern mit Zahlen und Statistiken. Momentan allerdings eher aus der Not geboren. Denn die Besucherkurve und die damit verbundene Betriebswirtschaftlichkeit des Wissenschaftsmuseums zeigt steil bergab.

Nach der Erweiterung des Science Centers hatte man am Phänomentaweg auf eine deutliche Steigerung der Besucherzahlen gehofft – eine Hoffnung aber, die sich nicht erfüllte. „Das liegt nicht an der Ausstellung, sondern schlichtweg an einem Lüdenscheid ohne Brücke und ohne Bahnhof. Machen Sie das mal einem Lehrer aus dem Ruhrgebiet klar, wenn der fragt, wie man nach Lüdenscheid kommt. Was nutzt mir denn die teure Werbung – aber man kommt nicht hin?“

Seit er die Betriebsführung übernommen habe, „gab’s noch kein normales Jahr“, sagt Schulze rückblickend. Corona, da sei klar gewesen, dass die Zahlen nicht stimmen, da habe man sich über die Ferienangebote retten können. Im Herbst 2020 hätte er dann festgestellt, dass die Besucherzahl an den Wochenenden schrumpft: „Dann kam diese Sache mit der Brücke, ein historisches Drama. Die Zahlen sind schlagartig eingebrochen, im Schnitt zwischen 20 und 40 Prozent weniger, vergleichbar mit Zyklen anderer Jahre.“

Phänomenta Stadtmarketingkonzept Alarm
Die Besucherzahlen sind rückläufig. Torsten Schulze schlägt Alarm. © Othlinghaus

Zwischen den Zuschüssen und dem Geld, das die Besucher mitbringen, werde die Lücke immer größer: „Ich weiß nicht, wie lange wir das noch können. Ich will nicht sagen, wie steuern in die Pleite, aber wir sind schwer krank.“ Ein Beispiel aus der Praxis liefert er mit – der Fledermausabend in der Late Night am 26. August – wir berichteten. Ein wissenschaftlicher Entertainer von einem Format wie Joachim Hecker kommt nicht gratis nach Lüdenscheid. Acht Leute braucht man für eine Late Night personell, die auch nicht umsonst arbeiten. Hinzu kommt der nicht unerhebliche Werbeaspekt – da kommt schnell eine gut vierstellige Summe zusammen: „Bei 250 Gästen an so einem Abend ist das bereits leicht defizitär, kommen nur 150 Gäste, wird’s ein Minusgeschäft für uns.“ Ein Grund dafür, dass die Late Night demnächst nur noch als Highlight im Jahresreigen angeboten werden kann und nicht mehr in der gewohnten Regelmäßigkeit.

Dem Stadtmarketing fehlt’s aus meiner Sicht schlichtweg an personellen Ressourcen und Geld, um die Situation schnell zu ändern.

Torsten Schulze

Genau jetzt, so Schulze, müsse man sich als Stadt die Fragen stellen: „Was sind uns Bildung und Kultur wert?“ und „Was ist uns die Phänomenta wert?“ Das neu eingeführte Erlebnisticket als bestes Beispiel einer guten Zusammenarbeit mehrerer Städte im Kreisgebiet läuft zufriedenstellend. Und auch die Zusammenarbeit mit anderen Einrichtungen in der Stadt bringt Synergieeffekte. Der Macher aus Dortmund sieht den Schwarzen Peter bei den Strukturen in der Stadt. Die Uhr tickt: Man habe schlichtweg keine Zeit mehr, in aller Ruhe ein Stadtentwicklungskonzept zu erarbeiten, sagt er, und landet unweigerlich beim Lüdenscheider Stadtmarketing (LSM). Allerdings, ohne mit dem Finger darauf zu zeigen: „Wie’s um die Gastro steht, weiß ich nicht. Aber ich höre viel aus dem Einzelhandel, wie schlecht es um die Stadt steht. Dem Stadtmarketing fehlt’s aus meiner Sicht schlichtweg an personellen Ressourcen und Geld, um die Situation schnell zu ändern. Im Moment liegt der Fokus auf den Anwohnern der Ausweichstrecken und dem Drama um die Brücke. Aber es gibt in Lüdenscheid auch noch andere Menschen. Wir sprechen hier in der Phänomenta Bildungsbürger an.“

Phänomenta leer Stadtmarketingkonzept
Die Besucherzahlen sind zwischen 20 und 40 Prozent gesunken. © Othlinghaus

Und weiter: „ Wenn man die zum Beispiel aus dem Ruhrgebiet nach Lüdenscheid bringen will, hat das was mit der Attraktivität der Stadt zu tun. Ich kann doch nicht jede Woche einen neuen Verein gründen, der irgendwelche Interessen vertritt, die einen die Gastro in der Stadt, die anderen die Wirtschaft. Was hilft es der Attraktivität der Stadt, wenn man sich wie im Moment jedes Wochenende mit Veranstaltungen gegenseitig Konkurrenz schafft? Wir brauchen hier in Lüdenscheid jetzt ein Marketingkonzept. Und LSM braucht mehr Personal und mehr Mittel. Wenn man eine bessere Lobby hat, kann man auch zusätzliche Geldmittel beantragen. Das Brückenproblem können wir nicht lösen – aber vielleicht den Knoten im Kopf der Leute von außerhalb, die denken: Lüdenscheid? Da fahr ich nicht hin!“

Trotz aller Sorgenfalten schauen Schulze und sein engagiertes Team noch mit verhaltenem Optimismus in die Zukunft. Der Silberstreif am Horizont des Science Centers seien die Schulklassen, das Haus allerdings eher über lang als über kurz wieder in sicheres Fahrwasser bringen könnten. Da hoffe man auf den Verzögerungseffekt, so Schulze, denn bis der Besuch ins Wissenschaftsmuseum in den Schulalltag integriert wird, dauert’s. „Aber ob wir hier so lange warten können…“, lässt Schulze einen eher düsteren Blick in die Zukunft offen.

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