Zuständigkeitswechsel scheitert an fehlenden Dokumenten

Pflegekind (3) tödlich verunglückt: Parallelen zum Plettenberger Fall

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Das Kleinkind wurde wiederbelebt, starb aber am Abend des 5. April im Klinikum Lüdenscheid.

Lüdenscheid – Der Tod eines dreijährigen Pflegekinds in Lüdenscheid beschäftigt die Staatsanwaltschaft Hagen auch weiterhin. Der Junge fiel am 5. April in einen Gartenteich und ertrank. Ermittelt wird seitdem gegen die Pflegemutter wegen fahrlässiger Tötung.

  • Ein Pflegekind (3) ertrinkt in Lüdenscheid/NRW im Gartenteich
  • Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen die Pflegemutter wegen fahrlässiger Tötung
  •  Es gibt mehr Parallelen als bisher bekannt zum Plettenberger Fall

Berichte, dass die Pflegemutter zum Zeitpunkt des Unglücks gar nicht zuhause war, wies Staatsanwalt Bernd Haldorn im Gespräch mit unserer Zeitung zurück. Gegenstand des strafrechtlichen Verfahrens ist demnach nicht, ob die alleinerziehende Frau ihre Aufsichtspflicht verletzt hat, sondern ob sie den Gartenteich ausreichend sicherte. Weitere Beschuldigte gebe es nicht. 

Strafrechtlich nicht relevant ist die Frage, ob der Unglücks-Tod des Jungen durch ein frühzeitiges Einschreiten des zuständigen Jugendamts oder einer besseren Kontrolle der Pflegeverhältnisse verhindert worden wäre.

Im Sommer 2019 gab es zwei Hinweise auf Kindeswohlgefährdung in der Familie

Immerhin gab es im Sommer 2019 gleich zwei Hinweise auf Kindeswohlgefährdung in der Pflegefamilie, denen das Jugendamt Lüdenscheid nachging, jedoch keine Feststellungen machte. Nach Informationen unserer Zeitung soll es dabei um eine mögliche Vernachlässigung des Dreijährigen und seines älteren Bruders gegangen sein.

Nach Angaben der Stadt Dortmund war ein Mitarbeiter des eigenen Jugendamts als Amtsvormund einmal im Monat in der Lüdenscheider Pflegefamilie zu Besuch – zuletzt im Februar 2020. 

Verstorbener Junge wurde auch nach dem Modell Westfälische Pflegefamilie betreut

Weitere Recherchen unserer Zeitung legen dennoch den Schluss nahe, dass das Kindeswohl der beiden Brüder nicht immer an erster Stelle stand. Wie auch beim Tod eines 17 Monate alten Kleinkinds in Plettenberg zum Jahresbeginn 2019 wurden auch die beiden Brüder in Lüdenscheid nach dem Modell der „Westfälischen Pflegefamilien“ betreut. 

Das bedeutet: Weil die Pflegekinder behindert oder entwicklungsverzögert sind, müssen die Pflegeeltern für die Betreuung „besonders geeignet“ sein. Für den erhöhten Betreuungsaufwand erhalten die Pflegeeltern im Gegenzug eine höhere Vergütung. 

Westfälische Pflegefamilie: Für Träger und Eltern ist Betreuung auch finanziell lukrativ

Finanziell lukrativ ist diese Form der Pflege auch für die Freien Träger der Jugendhilfe, die für die Begleitung des Pflegeverhältnisses pro Tag und Kind mehr als 80 Euro bezahlt bekommen. 52 Vereine und Verbände tummeln sich in Westfalen-Lippe im Markt.

Das Problem beim Modell „Westfälische Pflegefamilie“: Es gibt deutlich mehr zu vermittelnde Kinder als geeignete Pflegeeltern. Die Plettenberger Pflegefamilie, in der das entwicklungsverzögerte Pflegekind durch den Vater über mehrere Monate misshandelt und schließlich tödlich verletzt wurde, hatte keinerlei Erfahrung als Eltern, geschweige denn als Pflegeeltern. 

Pflegekinder sind länger als zwei Jahre in Lüdenscheider Familie

Die Mutter war Angestellte des Trägers – der Lebenshilfe Olpe. Das Kleinkind war ihr erstes Pflegekind. Auch für die alleinerziehende Pflegemutter in Lüdenscheid waren es die ersten Pflegekinder, die sie nach Informationen unserer Zeitung spätestens im Februar 2018 erhielt. 

Kommentar: Alle profitieren - außer die Kinder

Dieses Datum ist wichtig, da die Zuständigkeit gemäß der Vorgaben nach zwei Jahren auf das örtliche Jugendamt übergehen muss – in diesem Fall Lüdenscheid. Das aufnehmende Jugendamt muss anschließend das Pflegeverhältnis weiterbetreuen und auch finanzieren.

Auf Nachfrage bestätigte das zuständige Jugendamt Dortmund, dass sich die Kinder zum Zeitpunkt des Todes des Jungen am 5. April länger als zwei Jahre in der Lüdenscheider Pflegefamilie befanden. 

Zuständigkeitswechsel auf Lüdenscheid scheitert an fehlenden Dokumenten

„Die Übergabe war beantragt und wurde seitens des Jugendamtes Lüdenscheid geprüft“, teilte ein Sprecher des Dortmunder Jugendamts mit. Das Jugendamt Lüdenscheid bestätigte den Eingang des Antrags Mitte Februar 2020. 

„Uns lagen auch Unterlagen über das Pflegeverhältnis vor. Vollständig waren die Unterlagen allerdings nicht, sodass es uns nicht möglich war, den Antrag auf eine Übernahme des Pflegeverhältnisses vollumfänglich oder gar abschließend zu prüfen“, teilte die Stadt Lüdenscheid auf Anfrage mit. Zum Zeitpunkt des Todes des Dreijährigen handelte es sich demnach „um ein laufendes Verfahren.“ 

Zentrales Dokument des Pflegeverhältnisses fehlt - der Vertrag

Allerdings lag dem Jugendamt Lüdenscheid nach eigenen Angaben der Vertrag über das Pflegeverhältnis – also das zentrale Dokument – bislang gar nicht vor. Ob das Jugendamt Lüdenscheid – das in der Region als sehr gewissenhaft gilt – das Pflegeverhältnis weitergeführt hätte, ist unklar. 

Es darf nach aktuellem Recherchestand aber bezweifelt werden. Auf Anfrage ließ das heimische Jugendamt zumindest durchblicken, dass man sich an die Einschätzung des Jugendamts Dortmund nicht gebunden fühlt: „Geht die Zuständigkeit für Pflegekinder an uns, entscheiden wir autonom und im Sinne des Kindeswohls, welche Maßnahmen zu treffen sind“, heißt es in der Antwort. 

Antrag auf Zuständigkeitswechsel für den Bruder wurde zurückgezogen

Der Antrag aus Dortmund galt auch für den älteren Bruder, der nach dem Tod des Dreijährigen zunächst in einer anderen Pflegestelle untergebracht worden war. Eigentlich müsste er nun zu seiner Pflegemutter in Lüdenscheid zurückkehren und damit auch in die Zuständigkeit des örtlichen Jugendamts. 

Doch dazu kommt es offenbar nicht. Wie ein Stadtsprecher mitteilte, hat „das Jugendamt der Stadt Dortmund das laufende Verfahren zur Übergabe des Pflegeverhältnisses, das noch nicht abgeschlossen und damit auch nicht entschieden war, inzwischen zurückgezogen.“ 

Stadt Dortmund verrät den Namen des Trägers nicht

Licht ins Dunkel könnte der freie Träger der Jugendhilfe bringen. Um wen es sich dabei handelt, dazu schweigt Dortmund beharrlich. Zunächst hatte das Jugendamt die Nennung des Namens wegen eines vermeintlichen laufenden staatsanwaltschaftlichen Verfahrens verweigert. Ein solches gebe es in der Sache aber nicht, sagte Staatsanwalt Haldorn. Nun wurde die Frage „aus Datenschutzgründen nicht beantwortet.“

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