Patientenquittungen: Kaum Nachfragen

Dr.med. Angelika Hartung ärgert sich über einen deutlich höheren bürokratischen Aufwand:

LÜDENSCHEID ▪ Die Patientenquittung: Mehr Transparenz im System - oder eine Mogelpackung für die Patienten? Die vor einiger Zeit eingeführten Patientenquittungen stoßen in Lüdenscheid kaum auf Nachfrage. Ganz selten lässt sich ein Patient belegen, was der Arzt für die erfolgte Behandlung mit der Krankenkasse abrechnet. Diese Quittungen sollen zum einen Missbrauch vorbeugen, zum andern zu einem größeren Kostenbewusstsein führen. Zudem machen sie die eigentlichen Gebühren transparent. Denn die liegen in der Regel deutlich unter dem, was Patienten vermuten. So liegt der durchschnittliche Umsatz pro Patient im Quartal bei seinem Hausarzt bei durchschnittlich 50 Euro.

In der Diskussion ist es nun, diese Quittungen langfristig umzustellen - zu einer Rechnung. Das bedeutet: Der Arzt rechnet nicht mehr mit der Krankenkasse ab, sondern mit dem Patienten direkt. Der wiederum kann den Betrag dann bei seiner Krankenkasse geltend machen – sofern sie denn die Leistungen im vollen Umfang übernimmt.

Denn genau hier liegen die Bedenken. Ärzte müssen mit einer Einbuße von durchschnittlich 25 Prozent rechnen“, so Andreas Daniel; Pressesprecher der Kassenärztlichen Vereinigung Westfalen-Lippe. „Hier handelt es sich um Leistungen, die vom Arzt erbracht wurden, das Budget aber überschreiten“.

Sollte das neue Gesetz kommen, würden die Patienten gegebenenfalls auf diesen Kosten sitzen bleiben. „Missbrauch durch falsche Arztabrechnungen ist so gut wie unmöglich“, entschärft Andreas Daniel. „Die Kassenärztliche Vereinigungen und auch die Krankenkassen haben eigene Kontrollsysteme. Allerdings käme mit dem neuen System ein enormer zusätzlicher bürokratischer Aufwand auf die Arztpraxen zu.

Bedenken gibt es allerdings nicht nur von den Patienten, auch die Ärzte sind skeptisch. Unmut über einen deutlich höheren bürokratischen Aufwand und Sorge, auf Rechnungen sitzen zu bleiben, äußerte Dr. med. Angelika Hartung, Fachärztin für Neurologie und Psychiatrie. Sie vermutet, dass diese neue Regelung ein Instrument zur Kostendämpfung werden soll.

Anders ist es bei kieferorthopädischen Behandlungen. Diese sind bei Erwachsenen immer eine Privatleistung - und auch für die Behandlung ihrer Kinder bekommen die Eltern eine Quartalsabrechnung, müssen erst einmal 20 Prozent der Behandlungskosten tragen. „Diese bekommen sie allerdings am Ende einer erfolgreichen Behandlung zurückerstattet“, darauf weist Dr. Harald Krikke hin. Dieses System käme der geplanten Patentenrechnung schon recht gleich.

In der Praxis von Dr. Bohmeyer wurde noch nie eine Patientenquittung verlangt. Der Hautarzt sieht allerdings in einer solchen Quittung auch wenig Sinn. „Im Facharztbereich wird fast alles nur noch über Pauschalen abgerechnet. Damit sind fast alle Behandlungen im Quartal abgegolten. Insofern ist die Quittung in 90 Prozent der Fälle auch nicht aussagekräftig.“

Sollte allerdings das Konzept der Kostenerstattung, sprich die Patientenrechnung, künftig eingeführt werden, müsste das Versicherungssystem gravierend verändert werden, fordert der Facharzt. Den bürokratischen Aufwand sieht er als nicht ganz so gravierend an. „Durch die modernen Computersysteme müsste das machbar sein“.

Er befürchtet eher Zahlungsausfälle. In einem sind sich jedoch alle Ärzte einig: „Letztendlich sollte die Behandlung und nicht die Bürokratie im Vordergrund stehen“.

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