„Paint the Wall“

Eine Treppe mit Gesicht: Davis Pahl zaubert atemberaubenden Effekt in die City       

Paint the Wall Lüdenscheid Davis Pahl Thünentreppe
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Der Lüdenscheider Künstler Davis Pahl arbeitet seit Tagen an der Thünentreppe.

Sein Markenzeichen ist die gelbe, grob gestrickte Wollmütze. Die saß auch am Donnerstagnachmittag fest auf dem Kopf des Lüdenscheider Street-Art-Künstlers Davis Pahl, als er Stunde um Stunde auf Knien über die Thünentreppe kroch, an die 30 Farbspraydosen und jede Menge Schablonen im Kofferraum.

Lüdenscheid - Spraydose in der rechten, Schablone in der linken Hand, und immer wieder machte ihm der scharfe Wind zu schaffen. „Die Leute waren schon zufrieden, als nur die Vorstreichfarbe auf der Treppe war“, sagt er, während er Schattierungen aufbringt. Hier ein wenig grau, dort eher dunkler – insgesamt werde das Motiv farbig, erklärt der Lüdenscheider, der in der Bergstadt unter dem Labelnamen „Fuchs + Rabe“ firmiert. Seine Motive sind oftmals provokativ, bunt und unbequem. Er sprüht einen Jungen mit einem Megafon, der gegen Rassismus antritt – „wir hatten ja die Vorgabe ,Kindern gehört die Zukunft’“. Wer auf den Stufen steht, hat Schwierigkeiten, überhaupt ein Motiv zu erkennen. Erst ein paar Meter die Thünenstraße weiter hinunter wird erkennbar, was Davis Pahl seit einigen Tagen malt. Eine komplizierte Aufgabe, denn nicht die Treppenstufen selbst, sondern die Stirnflächen sind an dieser Stelle das Ziel von „Paint the Wall“. Für den Künstler bedeutete die Aufgabe das Anfertigen von langen, schmalen Schablonen.

„Davon irgendwann mal 20 Stück in der Stadt“,lässt Matthias Czech den Satz unvollendet. Der Vorsitzende des Vereins Willi und Söhne ist mit seinem Team in diesen „Paint the Wall“-Tagen gut unterwegs in der Stadt. Es gilt, die Probleme der zum Teil internationalen Künstler zu lösen, sie zu verpflegen, den Kontakt zu halten. Der Street-Art-Künstler Akut, der die Strodel-und-Jäger-Wand im Rosengarten bemalte, nannte es „Die kümmern sich total um uns. Das hab ich auch schon anders erlebt.“ Aber auch die Passanten bleiben staunend stehen. Czech: „Davis haben sie schon Schokolade geschenkt.“

Täglich zwischen dem Hell- und Dunkelwerden hockt Davis Pahl auf den Stufen der Thünentreppe. Regnen darf’s nicht, und der Wind ist mit Blick auf den Farbnebel auch nicht so zuträglich, ganz zu schweigen davon, dass die Sturmböen die Schablonen gern mal zerfetzen. Bis zum Wochenende, hofft Pahl, ist das Kunstwerk fertig. Und der Rücken kaputt? Er lacht: „Wenn man fertig ist und ein paar Meter weit weg steht und fotografiert, ist das alles sowas von vergessen.“

Wenn der Plan der Söhne Willis aufgeht, werden in den nächsten Jahren Zug um Zug weitere Straßenkunstwerke hinzu kommen. Aber schon in der Organisation von „Paint the Wall“ habe man gemerkt, dass das so einfach nicht ist, sagt Czech. Geplant war die Bonneval-Wand als eine weitere Fläche – das ließ sich nicht umsetzen.

Wenn man fertig ist und ein paar Meter weit weg steht und fotografiert, ist das alles sowas von vergessen

Davis Pahl

Nächster Versuch: Die große Fassade an der Parkpalette, dort, wo früher einmal das Café Eigenart beheimatet war. Die Tinte auf dem Vertrag war noch nicht getrocknet, als Willis Söhne feststellten, dass die Instandsetzung der riesigen Fassade den finanziellen Rahmen der gesamten „Paint the Wall“-Aktion sprengen würde.

Aus einiger Entfernung lässt sich das Motiv gut erkennen.

Die Alternative bot sich am Kleinen Sternplatz gegenüber des Papagenos. Hier wird Mark Gmehling arbeiten. In Arbeit sind auch noch die Vorbereitung der Moskob-Wand an der Knapper Straße und eine Fassade an der Winkelgasse (Schubidu). Dort hat „Wert“ (Franco Marasciulo aus Lüdenscheid) bereits seine Arbeit aufgenommen und bringt ein überdimensionales Mural an die Wand. Unter erschwerten Bedingungen, denn der Gang ist eng und der Betrachtungswinkel schwierig, zumal der Malerbetrieb Wieghardt mit einem großen Gerüst dafür sorgt, dass „Wert“ überhaupt bis an den Dachfirst kommt.

„Paint the Wall“

Das Projekt „Paint the Wall“ entstand vor fünf Jahren im Zuge der „Visionen“ für Lüdenscheid. In der „Vision 58“ des Vereins Willi und Söhne war Street-Art angedacht. Seit Mitte Oktober bringen international anerkannte Street-Art-Künstler mit Unterstützung der LSM und Sponsoren an prominenten Fassaden großflächige Kunstwerke an. Das Thema: „Kindern gehört die Zukunft“. Die Eröffnung des „Street-Art-Festivals“ war für nächsten Mittwoch geplant, wird aber angesichts des Infektionsgeschehens auf November verschoben. Die Kunstwerke sollen in den nächsten Jahren erweitert und das Street-Art-Festival ähnlich wie Lichtrouten zu einer wiederkehrenden Aktion werden.

Die Moskob-Wand an der Knapper Straße wird seit gestern präpariert. Ein Steiger bringt die Maler in ziemlich luftige Höhen, bevor der Street-Art-Künstler Martin Bender mit der Arbeit auf der großen Fläche anfängt und die nächsten zehn Jahre für einen Blickfang sorgt.

Wegen Corona: Eröffnung erst im November

Am Donnerstag hat der Verein Willi und Söhne entschieden, die Eröffnung von „Paint the Wall“ in den November zu verschieben. Geplant war, in der kommenden Woche in einem Pop-Up-Lokal in der Innenstadt einen Ort der Begegnung zu schaffen mit einer Eröffnung am nächsten Mittwoch. Anschließend sollten nächstes Wochenende geführte Rundgänge stattfinden. Doch angesichts der explodierenden Corona-Zahlen sagt Willi-Vorsitzender Matthias Czech: „Die Leute in so einer Zeit aufzurufen, zu kommen, wäre nicht so charmant. Und zum anderen verschaffen wir mit einer Verschiebung auch den Künstlern mehr Zeit.“

Willi & Söhne: „Wir lassen uns was Cooles einfallen.“

Die Witterungsverhältnisse sind derzeit nicht ideal für das Aufbringen von großflächigen Street-Art-Bildern, „und auch die Künstler können nicht so, wie wir das wollen. Die haben ja auch noch andere Verpflichtungen“, so Czech. Willis Söhne wollen im November die Eröffnung nachholen: „Wir werden irgendetwas Cooles machen, da haben wir den Ansporn, aber nächste Woche – das wird nichts!“

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