Ostalgie-Büffet ein Volltreffer: Spreewaldgurken sind der Renner

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Viele Gäste nahmen zwischen Lüdenscheider Gespräch und der Inszenierung Platz am reich gedeckten Tisch.

Lüdenscheid – Der „Boss“ schrieb 1988 Geschichte in Berlin-Weißensee. Am 19. Juli 1988 reiste Bruce Springsteen für ein Konzert in Berlin an, wohnte im Grand Hotel an der Friedrichstraße. Auf der Ostseite Berlins standen die Teenager der DDR und lauschten den Klängen, die aus dem nahen Westen herüber wehten – eine der schönsten Szenen der Inszenierung „#BerlinBerlin“, mit der das Theater Strahl am Mittwochabend den 30-jährigen Jahrestag des Mauerfalls würdigte.

Die Protagonisten: Ingo, der nur zu gern die DDR verlassen würde, aber dennoch nicht ohne Stolz die Werte des „real existierenden Sozialismus'“ verteidigt, der ewige Zauderer Micha und Jürgen, der nicht so recht weiß, ob er in Ost oder West bleiben will. Sie stehen an der imaginären Mauer, völlig normale Teenager ihres Jahrzehnts – und doch so fern von ihrem Idol, das sie zwar hören, aber an diesem Zeitpunkt der Geschichte vermutlich niemals sehen können.

Viele junge Leute waren unter den Besuchern im Kulturhaus – Schulklassen des Bergstadt-Gymnasiums und der Adolf-Reichwein-Gesamtschule. Die meisten von ihnen nach 1989 geboren. Zur Mauer haben sie wenig Bezug, sie ist ein Fall für die Geschichtsbücher. „#BerlinBerlin“ präsentierte sich nicht nur als Ost-West-Familienstück. Gleich der Einstieg machte klar: Jede Mauer bedeutet Grenzen und die Frage: Wo ist drinnen und wo draußen? Aber auch die Frage danach, ob grenzen- und mauerlose Freiheit Angst machen kann, wird im Intro von jungen Menschen in einer Zukunft des Jahres 2099 gestellt.

Die Inszenierung wurde als beste Berliner Aufführung des Jahres 2018 mit dem Friedrich-Luft-Preis ausgezeichnet. Es spielten Nora Decker, Beate Fischer, Sabrina Frank, Oliver Moritz, Justus Verdenhalven und Raphael Zari.

Bereits für den späten Nachmittag hatte das Institut für Geschichte und Biographie der Fernuniversität zum Lüdenscheider Gespräch geladen. Zu Gast war die ehemalige Textilarbeiterin, Obermeisterin und Schichtleiterin Edith Dahlke aus dem Obertrikotagen-Betrieb VEB Ernst Lück in Wittstock an der Dosse (Brandenburg). Sie war eine der Protagonistinnen in Dokumentarfilmen des Regisseurs Volker Koepp über den nach der Wende abgewickelten DDR-Betrieb.

Die Historikerin Angelika Wolf stellte den Gast vor, führte in die Geschichte des Obertrikotagen-Betriebs ein und zeigte Interview-Ausschnitte aus mehreren dieser Filme. In einer stark landwirtschaftlich geprägten Region war die Ansiedlung des Betriebs „ein großer Schritt in eine vielversprechende Zukunft“. Der VEB Ernst Lück verfügte über eine betriebseigene Berufsschule, ein Ledigenwohnheim, einen eigenen Laden und eine eigene Siedlung, die in der Nachbarschaft errichtet wurde. In den Film-Interviews schilderten Edith Dahlke und andere Frauen ihren Blick auf die Probleme des Betriebs und das, was mit dessen Schließung 1992 zu Ende ging: „Für viele bedeutete das den Verlust sozialer Bindungen und des Lebensmittelpunktes.“

Durch die Filmausschnitte gut informiert hatten die Besucher anschließend Gelegenheit, mit der leibhaftigen Edith Dahlke über ihre Erfahrungen im Arbeitsleben der DDR zu sprechen. Einige Fragen zielten auf die unterstellte Ineffektivität realsozialistischer Betriebe: War die Produktion durch Materialmangel eingeschränkt? „Wenn die Päckchen kamen, war Arbeit da, wenn sie nicht kamen, war keine da“, lautete die klare Antwort. Und dann gab es noch eine klare Auskunft zum beflügelnden Sinn realsozialistischer Pläne: „Das gab’s im Sozialismus nicht, dass der Plan nicht erfüllt wurde.“

Nach der Entlassung in Wittstock ging Edith Dahlke mit ihrem Mann zur Firma ABN in Neuenstadt (Baden-Württemberg). Fragen, ob sie dort wirklich angekommen sei, beantwortete sie auf zwei sehr unterschiedliche Weisen: Einerseits freute sie sich darüber, dass viele Leute sie dort nach 28 Jahren gar nicht mehr missen möchten. Andererseits berichtete sie von einer immer noch spürbaren Sehnsucht nach der brandenburgischen Heimat: „Das ist noch immer unser Zuhause, und das könnte wieder unser Zuhause werden.“

Zu einem echten Renner in Richtung DDR-Nostalgie wurde das bestens ausgestattete Ostalgie-Büffet der Fleischerei Geier. Die Nachfrage war groß und der Tisch gut gedeckt mit Mettigeln und Senfeiern, Spargel-Schinkenröllchen und Aspikschnittchen, Kaltem Hund und Schokopudding. Zum Ausklang eines äußerst gelungenen und abwechslungsreichen Gedenktages beantworteten vier der Akteure des Theaterstücks „#BerlinBerlin“ im Gespräch mit Besuchern Fragen nach ihren persönlichen deutsch-deutschen Biogra

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