Online-Hilferuf erhört: Krebskranke 42-Jährige überglücklich

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Serkan Cumali Yilmaz, Volker Jenneboer und Jaques Loockx schleppen schwere Kartons. Auch wenn sie nach der spontanen Hilfsaktion am nächsten Tag Muskelkater oder Schmerzen in der Schulter hatten, sagen sie: „Wir würden es immer wieder machen.“

Lüdenscheid - Menschlichkeit und Hilfsbereitschaft sind für einige Menschen in unserer Stadt ganz offenbar kein Fremdwort. Ein Beispiel gelebter Nächstenliebe gegenüber fremden Menschen in Not hat eine 42-jährige Lüdenscheiderin kürzlich überglücklich gemacht:

In ihrer Wohnung am Lehmberg war Sandra W. nicht gerade glücklich. Die Wohnung, drei Etagen über einer Firma, hatte erhebliche Mängel. Es gab keine Klingel, keinen Briefkasten, nicht mal eine Haustür war vorhanden. Und den Lärm, den die Firma tagsüber verursachte, hatte die 42-jährige Lüdenscheiderin bei der Besichtigung der Wohnung damals deutlich unterschätzt.

Da der Vermieter sich von allen Beschwerden nichts annahm, kündigte Sandra W. ihre Wohnung. Um den Jahreswechsel sollte ein Umzug anstehen. Was Sandra zum Kündigungszeitpunkt noch nicht wusste: Ein paar Tage später bekam sie die Diagnose Lymphdrüsenkrebs.

Von da an war sie die Woche über im Krankenhaus, am Wochenende durfte sie nach Hause. Ein Zuhause, in dem sie sich schon lange nicht mehr wohlfühlte.

Sandra W. ging es nicht nur körperlich, sondern auch psychisch sehr schlecht. „Durch die Chemo fielen mir die Haare büschelweise aus“, erinnert sie sich. Aufgrund verstopfter Leitungen und eines daraus resultierenden Wasserschadens stellte die Firma im Erdgeschoss des Hauses nach Feierabend und an den Wochenenden regelmäßig das Wasser ab. Doch Sandra blieb stark, suchte sich in ihrer schwierigen Situation eine neue Wohnung.

Aufgrund ihrer schweren Erkrankung übernahm die Arge die Umzugskosten in ihre neue, bereits renovierte 41 Quadratmeter große Wohnung an der Elsa-Brandström-Straße. Der Umzugsunternehmer begutachtete die Wohnung und sagte den Umzug zu. Vier Mitarbeiter transportierten am Vormittag auch einen geringen Teil des Umzugsgutes, sagten eine zweite Tour aber mit der Begründung ab, die Wohnung sei zu schmutzig. Auch der von Sandra W. zur Hilfe gerufene Chef konnte seine Mitarbeiter nicht überzeugen weiter zu arbeiten. Auch seitens ihrer Arge- Sachbearbeiterin erhielt Sandra W. keine Unterstützung.

In ihrer Not griff sie auf soziale Netzwerke zurück, schilderte ihre Situation auf der Seite der Facebook-Gruppe „Du bist Lüdenscheider, wenn....“ und bekam so Kontakt zu Administrator Volker Jenneboer. Der Lüdenscheider bot ihr nicht nur sofort seine Hilfe an, sondern bat auch auf der Facebook-Seite „Lüdenscheider helfen Lüdenscheidern“ in Sandras Namen um weitere Hilfe.

Hier fühlte sich Serkan Cumali Yilmaz angesprochen. Der engagierte Türke war von den Lesern der Lüdenscheider Nachrichten aufgrund seiner Hilfsbereitschaft bereits im Jahr 2011 zum „Lüdenscheider des Jahres“ gekürt worden. Seinerzeit hatte er einen verunglückten Hundebesitzer vor dem Erfrieren gerettet.

Yilmaz nahm Kontakt zu einem heimischen Dachdecker auf, der für die Umzugsfahrten spontan seinen Sprinter zur Verfügung stellte. In seinem persönlichen Bekanntenkreis versuchte Yilmaz möglichst viele Leute zum Helfen zu organisieren.

Aufgrund ihrer schweren gesundheitlichen Situation war Sandra W. mit den anstehenden Problemen überfordert. Sie bekam einen Kreislaufkollaps und wurde stationär ins Klinikum eingewiesen.

Doch der Hilfstrupp um Serkan Cumali Yilmaz und Volker Jenneboer – alles für Sandra W. zu diesem Zeitpunkt fremde Menschen – meisterte trotz strömenden Regens bis in die späten Abendstunden den Umzug. Fast alle der gut ein Dutzend Helfer stemmten die Hilfsaktion nach ihrem regulären Feierabend.

Nach der Hilfsaktion flossen Freudentränen

Dabei lernte sich die illustre Runde aus Yilmaz-Freunden und Facebook-Usern beim Bierchen näher kennen. Da kamen auch die Geschichten von weiteren Hilfstaten von Serkan Cumali Yilmaz auf den Tisch, beispielsweise als er einen türkischen Fahrer, der mit seinem Lkw am Freisenberg liegengeblieben war, zuhause „bei Muttern“ verköstigte, bevor dieser dann am nächsten Tag mit repariertem Anlasser wieder durchstarten konnte.

Und nach der Umzugsaktion erzählten die Helfer: „Ich hatte ganz schön Muskelkater“, lacht Bianca Schnabel, denn es waren bei beiden Wohnung reichlich Treppen zu bewältigen. „Ich hatte viel zu schwer gehoben und musste mir am nächsten Tag Wasser aus der Schulter ziehen lassen“, erinnert sich Jacques Loockx. Aber sie haben gerne geholfen und bei dieser Aktion sogar neue Freunde gewonnen.

Als Sandra W. aus dem Krankenhaus kam und ihre Wohnung aufschloss, flossen Freudentränen. „Sie war so dankbar“, freuen sich Veronika Schreiner und Erich Michalek. André Jäger sagt: „Auch wir Helfer haben etwas mitgenommen – für mich war es eine tolle Erfahrung.“

Sandra W. ist immer noch ganz gerührt von so viel Hilfsbereitschaft: „Das war ein wunderbares Geschenk“.

Von Christina Grégoire

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