Ohrfeigen für den Häftling - 23-Jähriger vor Gericht

Lüdenscheid - Mehr als zwölf Jahre, nachdem ihm das passiert ist, platzt dem heute 23-Jährigen der Kragen. Er verpasst dem Mann, der ihn jahrelang sexuell missbraucht hat, ein paar Ohrfeigen. Dafür sitzt der angehende Krankenpfleger jetzt als Angeklagter vor dem Schöffengericht. Und dafür, dass er den Lüdenscheider obendrein erpresst haben soll. Die Schläge gibt er zu. Alles andere „ist völliger Quatsch“, so der junge Mann.

Strafverteidigerin Katja Kirmizikan sagt, ihr Mandant habe in seiner Jugend „nicht viel auf die Reihe gekriegt“. Eine Ursache seien sicherlich die sexuellen Übergriffe. „Er leidet noch heute sehr darunter und befindet sich in psychologischer Behandlung“. Nach Schulabbrüchen und ein paar Jahren als Leiharbeiter in Fabriken hat der 23-Jährige, inzwischen glücklicher Vater eines Sohnes, endlich seine Berufung gefunden. „Im nächsten Jahre fange ich meine Krankenpflege-Ausbildung an.“ Als Aushilfe ist er jetzt schon tätig und fühlt sich ausgefüllt und freut sich auf den Job.

Bis eines Tages, es ist der 11. Juli 2014, der zehn Jahre ältere Mann an seinem Arbeitsplatz auftaucht, als Krankentransporteur. „Da ist in mir alles wieder hochgekommen“, berichtet der Angeklagte. „Der Typ hat schon genug Schaden in meinem Leben angerichtet.“ Also habe er ihm gesagt, er solle sich hier nicht mehr blicken lassen. Beim zweiten Aufeinandertreffen, eine Woche später, rutscht ihm die Hand aus. Der 33-Jährige geht zur Polizei.

Da muss er sowieso hin. Denn „er war meldepflichtig“, berichtet ein Kriminalpolizist im Zeugenstand. Als Ex-Strafgefangener auf Bewährung steht er unter Führungsaufsicht. Er meldet sich also – und behauptet, der Angeklagte habe ihn erpresst. „Entweder du zahlst mir 100 Euro pro Monat oder ich sage allen, und auch deinem Chef, was du für einer bist.“

Der Belastungszeuge wird in Handschellen in den Gerichtssaal geführt, um auszusagen. „Weiß ich nicht mehr“ ist sein am häufigsten gebrauchter Satz. Oder: „Kann ich nicht sagen.“ Oder: „Darüber möchte ich nicht sprechen.“ Muss er auch nicht, wenn er sich selbst belasten würde. Dreimal haben ihn Gerichte wegen wiederholten Kindesmissbrauchs verurteilt. Nun wartet er in U-Haft auf sein nächstes Verfahren – wieder Kindesmissbrauch.

Die Staatsanwältin erkennt auf „Aussage gegen Aussage“ und „im Zweifel für den Angeklagten“ – und beantragt Freispruch im Fall der Erpressung. Die Körperverletzung sei jedoch erwiesen und mit 1000 Euro zu ahnden. Das Gericht unter Vorsitz von Jürgen Leichter stellt das Verfahren hingegen ein – gegen Zahlung einer Geldstrafe. 300 Euro in kleinen Raten. - omo

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