OGS: Das unterbezahlte Erfolgsmodell

Die OGS bietet neben Hausaufgabenbetreuung auch jede Menge Spiel und Spaß.

LÜDENSCHEID - Rund 660 Lüdenscheider Grundschulkinder verbringen heute ihre Nachmittage im Offenen Schulganztag (OGS). Damit besucht jedes vierte Kind zwischen sechs und zehn Jahren eine der zwölf Einrichtungen in Schulen oder Jugendeinrichtungen, „und wir sind so gut wie voll“, beschreibt Ingrid Hedemann.

Die Pädagogin ist nicht nur Leiterin der beiden Grundschulen Tinsberg und Knapp mit zusammen 115 OGS-Kindern, sie ist auch die vom MK-Schulamt bestellte „Beraterin im Ganztag“. Kurzum: Sie kennt sich aus. Für Hedemann ist die OGS bei allen Fragen und Problemen längst ein Erfolgsmodell, das sich auch qualitativ stetig entwickelt. Woran es aus ihrer Sicht aber hapert, ist die Anerkennung für diese Arbeit vor allem außerhalb der Schulen. Viele Kräfte engagierten sich mitunter „bis an die Grenze der Selbstausbeutung“, doch zugleich erhielten Ganztagsschulen nur schmale Budgets, in denen sich die durchaus vorhandene Wertschätzung etwa durch die Stadt nicht widerspiegele. „Das ergibt auch bei Einzelnen ein Salär, das der Leistung nicht angemessen ist“, kritisiert die Rektorin.

Dennoch sei die OGS auch in Lüdenscheid mit wachsender Begeisterung aufgebaut worden: „Vor sieben Jahren wurde sie noch als Provisorium auf dem Weg zum Pflichtganztag angesehen. Sie band schulfremde Vereine und Verbände als Träger ein, was auf Kritiker geradezu abenteuerlich wirkte und als Verlegenheitslösung mangels Masse gegeißelt wurde“, erinnert sich Ingrid Hedemann.

Bis heute habe sich aber nicht nur zahlenmäßig und qualitativ, sondern auch atmosphärisch viel verbessert. Mit vielfältigen, oft ehrenamtlich oder von Honorarkräften getragenen Angeboten – von der Schach-AG bis zu Gartenarbeit, Theater, Sport oder kreativem Spiel – gebe die OGS vielen Kindern heute „die enorme Chance zu Erfahrungen, die ihnen sonst verwehrt blieben“. Dabei sei das „für ein gelungenes Leben ebenso wichtig wie Lesen, Schreiben, Rechnen“.

Mit den Trägern hätten Stadt und Kreis im Qualitätszirkel längst ein Fortbildungssystem für die OGS etabliert, das sich sehen lassen könne: Erziehungsfragen werden in VHS-Seminaren oder Konferenzen für die Pädagogischen Leitungen ebenso behandelt wie der Umgang mit Krankheiten oder Methoden zur Gewaltvorbeugung. Mit den heute vorgeschriebenen 2,7 Lehrerstunden pro OGS-Gruppe (und umgekehrt der Teilnahme von Ganztagskräften am Unterricht) sei auch das Verständnis zwischen Vor- und Nachmittagsarbeit gewachsen. „Hier gab es früher viele Probleme und Missverständnisse“, weiß Hedemann. Dass Schule leistungs- und ergebnisorientiert arbeiten muss, dass die OGS in der Hausaufgabenbetreuung Einfluss auf den schulischen Erfolg der Kinder hat, auch wenn sie keine Nachhilfe ist, dass es deshalb ein gedeihliches Miteinander auf Augenhöhe braucht, das war längst nicht überall von Beginn an selbstverständlich: „Damals hat man aber auch konzeptionell kein Fettnäpfchen ausgelassen“, schmunzelt Hedemann. Ihr wäre es heute am liebsten, wenn Schule und OGS überall unter einem Dach arbeiteten, „damit man sich im Alltag auch mal auf dem Flur austauschen kann“.

Zumal sich beide Seiten oft mit denselben Erwartungen von Eltern konfrontiert sehen, die Leistungs- und Verhaltensprobleme ihrer Kinder allein in der Schule gelöst sehen wollen. „Die OGS soll dann aufarbeiten, was am Morgen nicht verstanden wurde, und dazu noch alle möglichen sozialen Defizite beseitigen.“ Das erwarteten mitunter sogar Jugend- und Sozialämter, mit denen man ansonsten aber hervorragend zusammenarbeite.

Hedemanns Fazit: „Mit der Grundschule leistet die OGS heute eine Arbeit, über die man nur staunen kann.“ Ausbau, Qualifizierung und Professionalisierung seien programmiert, doch stoße man derzeit an Grenzen, räumlich wie auch finanziell.

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