Offener Brief an alle Mobbing-Opfer

Haila Brucks, E-mail- und Telefonberaterin beim Kinderschutzbund Lüdenscheid, reagiert mit diesem Schreiben auf eine Kolumne von Barbara Richartz, die kürzlich in den Tageszeitungen des Märkischen Zeitungsverlages erschienen ist. Hier der Beitrag von Haila Brucks im Wortlaut:

Sind Sie eines der zahlreichen Opfer von Mobbing in unserer Gesellschaft? Und haben Sie die Medizin-Kolumne „Mobbing kann töten – Zu Recht eine Straftat“ von Barbara Richartz gelesen? Dann schreibe ich Ihnen diesen Brief hoffentlich noch rechtzeitig.

Denn wenn Sie wie auch ich gelesen haben, dass Ihre seelischen Verletzungen nie werden heilen können, stehen Sie vielleicht schon jetzt auf irgendeiner Brücke, um sich hinunterzustürzen. Halt! Dass seelische Verletzungen nicht heilen können, ist nämlich der größte Schwachsinn, den ich in den letzten 30 Jahren zu diesem und ähnlichen Themen gehört oder gelesen habe. Selbstverständlich können Ihre seelischen Verletzungen heilen! Sie können sie sogar selbst heilen! Wenn Sie dafür Hilfe brauchen, ist das ja nicht schlimm! Dafür gibt es sie ja! Es gibt Telefon- und e-mail-Beratung, es gibt jede Menge Beratungsstellen, und es gibt Psychotherapeuten!

Ob Sie eines dieser Hilfsangebote in Anspruch nehmen, ist natürlich Ihre eigene Entscheidung. Vielleicht denken Sie ja: Ich bin doch noch gar nicht selbstmordgefährdet. Aber im Gegensatz zu den Ausführungen von Frau Richartz muss Mobbing auch nicht zu einem psychosomatischen Prozess auswachsen, „an dessen Ende ein schwer erkrankter Mensch steht“. Sie können beruhigt sein, Sie können schon viel früher gegensteuern! Mobbing findet nämlich in Ihrem Bauch und in Ihrem Kopf statt! Wenn Sie jemand unter Druck setzt und schikaniert, sind Sie es nämlich selbst, der das mit sich machen lässt! Und genau an diesem Punkt können Sie selbst etwas ändern. Den Mobber können Sie nicht ändern, das kann er nur selbst tun. Aber Sie können dazu beitragen, indem Sie Ihre eigene Haltung ändern. Sie können selbst aus Ihrer Opferrolle herauskommen. Wenn Sie dafür Hilfe brauchen, nehmen Sie sich Hilfe! Sie müssen nicht warten, bis Sie eine „posttraumatische Belastungsstörung“ haben. Aber selbst wenn Sie so was schon haben – Sie können es ändern! Sie müssen auch nicht warten, bis von irgendwelchen „verantwortlichen Führungskräften … entgegengesteuert wird“. Da können Sie nämlich unter Umständen lange warten. Ergreifen Sie selbst die Initiative! Informieren Sie nicht nur die Führungskräfte, sondern soviel Menschen in ihrer Umgebung wie irgend möglich! Suchen Sie sich Verbündete! Sie können den Mobber auch anzeigen! Wenn Sie das möchten, wenden Sie sich bei der Polizei am Besten an den Opferschutz-Beauftragten. Dazu müssen Sie sich nichts eingestehen, auch wenn Frau Richartz das denkt. Denn Sie können ja gar nichts dafür, also was sollten Sie sich eingestehen müssen?

Oder neigen Sie dazu, allen Menschen, die in einem weißen Kittel herumlaufen, von vornherein uneingeschränktes Vertrauen zu schenken? Vielleicht gehören Sie ja zu jenen, die lieber gar nichts an ihrer Situation ändern wollen, weil sie sich dann etwas Neues suchen müssten, worüber sie jammern können. Dann ist die Kolumne von Frau Richartz ja Wasser auf Ihre Mühlen! Sie ist aber auf jeden Fall Wasser auf die Mühlen aller Mobber, die nun zu wissen glauben: Ja, es funktioniert wirklich, ich kann andere Menschen total fertig machen. Nein, liebe Leute, es muss überhaupt nicht funktionieren! Frau Richartz Kolumne ist kontraproduktiv, denn sie sendet schädliche Signale aus. Wenn es stimmen würde, dass Mobbing töten kann – dann wäre diese Kolumne dazu ebenfalls bestens geeignet!

Diese Kolumne kann aber genauso wenig töten wie Mobbing. Nicht das Mobbing tötet, das wäre ja noch schöner, wenn es das könnte. Sie als davon betroffener Mensch töten sich eventuell. Aber das müssen Sie keineswegs! Sie können sich auch entschließen, Hilfe in Anspruch zu nehmen. Es ist Ihre Entscheidung!

Seien Sie dennoch gnädig mit Frau Richartz als Mensch. Denn das war sicher nicht ihre Absicht. Sie ist Kardiologin und Internistin, und ihre Kolumne spiegelt nur ihre Hilflosigkeit. Psychologie ist nicht ihr Fachgebiet. Jura offensichtlich ebenfalls nicht, denn in der Kolumne finden sich auch rechtlich unhaltbare Ausführungen. Was wir ihr allerdings vorwerfen können ist, dass sie sich über fremde Fachgebiete nicht gründlich informiert hat. Darüber habe ich mich persönlich so geärgert, dass ich nicht schlafen konnte, weil ich Herz-Rhythmus-Störungen hatte. Ich glaube aber nicht, dass das absichtliches Mobbing von ihr war. Ich brauche ihre Dienste als Kardiologin auch nicht zur Lösung dieses Problems. Ich hab’s mir hier einfach von der Seele geschrieben!

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